Cyberangriffe werden raffinierter, Regularien strenger, Lieferketten globaler und mittendrin stehen Unternehmen, die sich fragen: Welche Sicherheitsstandards brauchen wir eigentlich? Die Antwort ist komplex und viele Unternehmer fühlten sich wie auf einem Marsch durch einen dichten Dschungel aus Normen, Prüfberichten und Anforderungen, die sich ständig ändern.
Im Dschungel der Cybersecurity-Zertifizierungen reicht es nicht, einfach drauflos zu marschieren. Wer die Spielregeln kennt und klug kombiniert, sichert sich nicht nur die Gunst von Auditoren, sondern auch das Vertrauen der Kunden.
(Bild: Midjourney / KI-generiert)
Wer heute bestehen will, braucht mehr als nur Mut: Er braucht Strategie. Im ersten Teil dieser Serie haben wir die Grundlagen gelegt. Jetzt tauchen wir ein in zwei der wichtigsten Standards der Cybersicherheit: ISO/IEC 27001 und SOC 2. Und wir zeigen, wie Unternehmen die Orientierung behalten und auf dem Weg durch das Dickicht nicht verloren gehen.
ISO/IEC 27001 vs. SOC 2: Zwei Giganten im Sicherheits-Universum
Beide Namen geistern durch unzählige Präsentationen, Ausschreibungen und Verträge. Doch bei genauerem Hinsehen wird klar: Hier treffen zwei völlig unterschiedliche Philosophien aufeinander.
ISO/IEC 27001 ist der Klassiker unter den internationalen Standards. Er basiert auf den sogenannten Trust Service Criteria Vertraulichkeit, Integrität und Verfügbarkeit und definiert, wie ein umfassendes Informationssicherheits-Managementsystem (ISMS) aufgebaut sein muss. Hier geht es nicht um Einzelmaßnahmen, sondern um einen durchdachten, systematischen Ansatz, der alles umfasst: Technik, Prozesse und Menschen. Im Mittelpunkt steht eine gründliche Risikoanalyse, die wie ein innerer Kompass alle Entscheidungen steuert.
Der Clou bei ISO 27001? Es geht nicht nur darum, irgendetwas einmalig einzurichten – sondern darum, einen lebenden Organismus zu schaffen: ein Sicherheitsmanagement, das sich kontinuierlich verbessert und ständig an neue Bedrohungen anpasst – risikoorientiert, und die Angemessenheit der Kontrollen bei der Umsetzung berücksichtigend.
Ganz anders funktioniert SOC 2 (Service Organization Control 2). Statt eines umfassenden Managementsystems liefert SOC 2 einen strengen und anspruchsvollen Prüfbericht. Entwickelt vom American Institute of Certified Public Accountants (AICPA), basiert dessen Trust Services Criteria hingegen auf: Sicherheit, Verfügbarkeit, Verarbeitungsintegrität, Vertraulichkeit und Datenschutz.
ISO/IEC 27001 stellt die Frage: „Welche Prozesse müssen wir einführen, um Sicherheit zu gewährleisten?“ SOC 2 hingegen fragt: „Sind die vorhandenen Kontrollen tatsächlich vorhanden – und funktionieren sie auch im Alltag?“
ISO setzt auf Planung, Umsetzung und regelmäßige Prüfung. SOC konzentriert sich stärker auf den Nachweis, dass die Maßnahmen in der Praxis auch wirklich greifen. Man sagt oft: ISO ist strukturiert, SOC ist leistungsorientiert – zwei Ansätze, zwei Perspektiven. Doch ganz so klar ist die Trennung nicht. Auch bei ISO/IEC 27001 sind die Kontrollen aus dem Anhang (Annex A) verpflichtend. Zwar darf man einzelne Kontrollen risikobasiert begründen oder abwählen, dennoch muss man sich mit deren Angemessenheit und Wirksamkeit ernsthaft auseinandersetzen. Zwei Welten – und doch zwei Seiten derselben Medaille.
Egal ob ISO oder SOC: Beide haben dasselbe große Ziel im Blick – den Schutz von Geschäftsprozessen, darunter auch sensibler Daten und Systeme. Und beide sind für Unternehmen heute kaum mehr verzichtbar.
Obwohl die Ansätze unterschiedlich sind, überschneiden sich viele Themen: Zugangskontrollen, Netzwerksicherheit, Reaktionspläne für Vorfälle oder Mitarbeiter-Sensibilisierung finden sich bei beiden Standards wieder.
Spannend wird es in der Praxis: Viele Unternehmen kombinieren bewusst beide Frameworks. Wer global unterwegs ist, setzt auf die internationale Strahlkraft von ISO/IEC 27001. Wer Geschäfte in Nordamerika machen will, legt zusätzlich einen SOC-2-Bericht auf den Tisch.
Die Kombination verspricht Vorteile auf allen Ebenen:
ISO schafft strukturierte Prozesse und zeigt, dass das Unternehmen Cybersicherheit ernst nimmt.
SOC 2 beweist operatives Können – eine Einladung an Kunden, Partner und Investoren, Vertrauen zu fassen – ähnlich wie ISO 27001.
Intern helfen die beiden Standards ebenfalls, die Sicherheitsarchitektur robuster und belastbarer zu machen: ISO 27001 sorgt für langfristige Stabilität, SOC 2 liefert den operativen Härtetest.
ISO 27001 oder SOC 2? Die Prüfung macht den Unterschied
Gerade bei den Prüfmethoden sind die Unterschiede erkennbar: Bei ISO/IEC 27001 dreht sich alles um Prozesse: Haben Unternehmen alle notwendigen Strukturen geschaffen, um Risiken systematisch zu erkennen, zu bewerten und zu bewältigen? Die Auditoren prüfen, ob das ISMS nicht nur auf dem Papier existiert, sondern auch gelebt wird. Dokumentation, Verbesserungsmechanismen und die Einbindung der Unternehmensführung sind zentrale Erfolgsfaktoren. Die angemessene Umsetzung der Kontrollen wird ebenfalls geprüft.
Bei SOC 2 geht es noch direkter zur Sache: Hier wird geprüft, ob spezifische technische und organisatorische Maßnahmen über einen definierten Zeitraum – meist sechs bis zwölf Monate – auch wirklich angewandt wurden. Ein SOC-2-Typ-II-Bericht ist besonders wertvoll, weil er zeigt: Dieses Unternehmen hält seine Sicherheitsversprechen auch im rauen Alltag ein.
Stand: 08.12.2025
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Besonders für Cloud-Dienstleister, SaaS-Anbieter oder Plattformbetreiber ist SOC 2 heute nahezu Pflicht. Kunden erwarten belastbare Nachweise – und SOC 2 liefert genau das: schwarz auf weiß, prüfbar, belastbar.
Strategische Relevanz: Wer braucht was?
Die Gretchenfrage: Welche Zertifizierung ist die richtige?
ISO/IEC 27001 ist die ideale Basis für Unternehmen, die international agieren und ein solides, langfristig tragfähiges Sicherheitsmanagement brauchen. Besonders in regulierten Branchen wie Finanzdienstleistungen, Gesundheitswesen oder kritischer Infrastruktur ist ISO fast schon Standard.
SOC 2 hingegen bietet den entscheidenden Vertrauensvorschuss für den digitalen Handel, SaaS-Plattformen und Technologieanbieter – insbesondere, wenn die Zielmärkte in Nordamerika liegen.
Wichtig: Es geht nicht immer um ein „Entweder-oder“. Die strategisch clevere Kombination beider Standards wird am Ende zum Erfolgsfaktor. Unternehmen zeigen damit sowohl Strukturstärke als auch operative Exzellenz – eine perfekte Visitenkarte im Wettbewerb um Kunden und Vertrauen.
Viele Unternehmen unterschätzen den Aufwand, der hinter einer erfolgreichen Zertifizierung steckt. Policies und Firewalls sind ein Anfang – doch für eine nachhaltige Zertifizierung braucht es deutlich mehr. Gerade ISO/IEC 27001 verlangt echtes Management-Commitment und eine Kultur der kontinuierlichen Verbesserung.
SOC 2 wiederum scheitert häufig an mangelnder Disziplin im Alltag: Es reicht nicht, schöne Konzepte zu präsentieren – sie müssen auch jeden Tag gelebt werden. Die Prüfer schauen wie bei ISO 27001 genau hin – und dokumentierte Abweichungen können teuer werden, sowohl finanziell als auch beim Ruf.
Unternehmen sollten daher frühzeitig einen klaren Projektplan aufsetzen, Verantwortlichkeiten definieren und Mitarbeiter aktiv einbinden. Wer Zertifizierung als lebendigen Prozess und nicht als einmaliges Event versteht, ist auf der sicheren Seite.
Doch schon jetzt ist offensichtlich: Der Dschungel wächst weiter. Im dritten Teil unserer Serie schauen wir auf die nächste große Herausforderung: Künstliche Intelligenz.
Neben der etablierten ISO 27001 rückt jetzt ISO 42001 in den Fokus – der erste Standard, der sich speziell mit der sicheren Entwicklung und dem Betrieb von KI-Systemen befasst.
Gerade im Lichte des kommenden EU AI Acts wird es für Unternehmen überlebenswichtig, die richtigen Weichen zu stellen. Wer frühzeitig eine solide KI-Governance etabliert, wird nicht nur regulatorischen Anforderungen gerecht, sondern verschafft sich auch einen entscheidenden Marktvorteil.
Fazit
Im Dschungel der Cybersecurity-Zertifizierungen reicht es nicht, einfach drauflos zu marschieren. Wer die Spielregeln kennt und klug kombiniert, sichert sich nicht nur die Gunst von Auditoren – sondern auch das Vertrauen der Kunden. Und genau das wird in der digitalen Wirtschaft der Zukunft über Erfolg und Misserfolg entscheiden.
Über den Autor: Ingo Unger ist Experte für VCS-Zertifizierungen (Vehicle Cybersecurity) bei der DQS GmbH.