Deutschland braucht einen Chief Resilience Officer Zeit für klare Verantwortungen!

Ein Gastkommentar von Kai Grunwitz 4 min Lesedauer

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Die nächste Krise kommt bestimmt – aber wer steuert und wer schützt Deutschland, wenn alles gleichzeitig schiefläuft? Das fragt Kai Grunwitz, Präsident von Kyndryl Deutschland in einem Plädoyer für einen zentral verantwortlichen Chief Resilience Officer.

Unser Land braucht dringend einen Chief Resilience Officer, sagt Kai Grunwitz, Präsident von Kyndryl Deutschland.(Bild:  Kyndryl)
Unser Land braucht dringend einen Chief Resilience Officer, sagt Kai Grunwitz, Präsident von Kyndryl Deutschland.
(Bild: Kyndryl)

79 Prozent der Deutschen haben Angst vor Cyberangriffen, 83 Prozent fürchten sich vor einem Cyberkrieg. Mehr als 60 Prozent glauben nicht, dass der Staat ausreichend auf digitale Bedrohungen vorbereitet ist. Das sind Zahlen einer repräsentative Bitkom-Umfrage aus dem Februar 2025. Sorgen, die mehr als berechtigt erscheinen: 2024 zählte das BKA über 131.000 Cybercrime-Fälle, und die gemeldeten Angriffe auf kritische Infrastrukturen stiegen seit 2022 um 668 Prozent.

Cyberattacken auf kritische Infrastrukturen. Fragile Lieferketten. Energieengpässe. Geopolitische Spannungen. Die jüngsten Krisen sind keine Ausnahmen mehr, sondern Symptom eines neuen Normalzustands. Und sie offenbaren eine dringende Forderung der Zeit: Gut zu reagieren wird in Zukunft nicht mehr ausreichen, um das Land vor größerem Schaden zu bewahren. Benötigt wird eine übergreifende Resilienzarchitektur. Deshalb braucht unser Land dringend einen Chief Resilience Officer, der strategisch im Kanzleramt verankert ist, nicht als Anhängsel eines Digitalministeriums.

Die neue Realität: Dauerkrise

Die Sicherheitslage in Deutschland ist komplexer als je zuvor. Digitale und physische Bedrohungen überlagern sich. Unternehmen, Verwaltungen und Infrastrukturanbieter stehen unter permanentem Druck. Ob Ransomware-Angriff, Stromausfall, gestörte Lieferkette oder Desinformationskampagne, manchmal reicht ein einzelner Auslöser, um Dominoeffekte in der Wirtschaft oder der öffentlichen Versorgung auszulösen.

Unsere kritische Infrastruktur ist dabei strukturell äußerst verwundbar. Zwar gibt es Initiativen, Gesetze und Behörden, die sie schützen sollen, doch das System ist zersplittert. Zuständigkeiten überlappen sich, Schnittstellen fehlen. Wer koordiniert, bevor der Ernstfall eintritt? Wer übernimmt ressortübergreifend Verantwortung?

In der Wirtschaft ist längst klar: Resilienz ist Führungsaufgabe. Viele Großunternehmen und Städte weltweit haben bereits einen Chief Resilience Officer etabliert, der Krisenvorsorge, Risikomanagement und strategische Robustheit bündelt. Warum also nicht auch der Staat?

Ein Chief Resilience Officer auf Bundesebene könnte genau das leisten, was heute fehlt: eine integrierte Sicherheitsgovernance für die Zeiten der Polykrise. Er oder sie wäre keine zusätzliche Bürokratieebene, sondern eine strategische Schlüsselfunktion mit direktem politischem Mandat, klarer Weisungskompetenz und dem Auftrag, vorausschauende Resilienzpolitik zu entwickeln und umzusetzen.

Der CRO als Brückenbauer zwischen den Silos

Der zentrale Vorteil eines CRO liegt im breiten, ressortübergreifenden Mandat. Während derzeit BMI, BSI, BMVg, BMWK und andere Ministerien jeweils eigene Prioritäten verfolgen, könnte ein CRO die Fäden zusammenführen – und Doppelarbeit, Reibungsverluste und gefährliche Koordinationslücken vermeiden. Eine solche Rolle wäre verantwortlich unter anderem für:

  • Cyberresilienz: Strategische Steuerung von NIS2- und Cyber Resilience Act-Umsetzung – auch zur Entlastung der Wirtschaft bei der Interpretation und Umsetzung.
  • Kritische Infrastrukturen: Identifikation und Schutz systemrelevanter Strukturen über Sektoren hinweg.
  • Lieferketten- und Katastrophenschutz: Integration internationaler Abhängigkeiten und Notfallplanung.
  • Sicherheitskommunikation: Einheitliches Lagebild, zentrale Krisenkommunikation, faktenbasierte Öffentlichkeitsarbeit.

Dabei ersetzt ein CRO keine bestehenden Behörden, sondern schafft eine übergeordnete Führungsstruktur.

Warum das Digitalministerium nicht reicht

Kai Grunwitz ist Präsident von Kyndryl Deutschland.(Bild:  Kyndryl)
Kai Grunwitz ist Präsident von Kyndryl Deutschland.
(Bild: Kyndryl)

Unter der neuen Regierungskoalition wurde am 6. Mai 2025 das Bundesministerium für Digitales und Staatsmodernisierung (BMDS) geschaffen. Damit kommt ein neuer Player für die Cybersecurity hinzu. Im Aufgabenkatalog des neuen Ministeriums steht nämlich auch die Verantwortung für Cybersicherheit der Bundesverwaltung (aus dem Innenministerium) und die Stärkung der IT-Sicherheit kritischer Infrastrukturen und Verwaltungssysteme des Bundes. Aus den Zuständigkeiten des BSI und den Sicherheitsaufgaben des Innenministeriums und des Verteidigungsministeriums, ergibt sich eine Art Patchwork Family, die dank unserer förderalistischen Staatsform, auch noch verteilt über Bund-und Länder agieren muss.

Es gilt das Zusammenspiel zwischen den verschiedenen Staatsorganen neu zu organisieren. Prozesse müssen, nicht zuletzt für den Bürger, nachvollziehbar und verständlich sein. Es ist aufgrund der herausfordernden Aufgaben im Digitalministerium ersichtlich, dass es diese Aufgabe nicht umfassend leisten kann, die Modernisierung und Digitalisierung sollte deutlich Zentrum stehen.

Das Digitalministerium hat strukturell grundlegend andere Aufgaben. Im Vordergrund stehen die Staatsmodernisierung & Verwaltungsdigitalisierung, neben der zentralen Verwaltung der Bundes-IT & Digitalstrategie und dem Ausbau der digitalen Infrastruktur und des Netzausbau. Außerdem soll das Ministerium die Daten‑ und Digitalpolitik, die digitale Souveränität, sowie die Regulierung & Bürokratieabbau verantworten.

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Kurz gesagt: Die Kernaufgabe des Digitalministeriums ist Transformation, nicht Verteidigung, es besteht ein Zielkonflikt zwischen Innovationsförderung und Sicherheitsanforderungen.

Die limitierte Verfügbarkeit von Top Experten in der Cyberabwehr und deren Verteilung über mannigfaltige Bereiche machen ein koordiniertes bundesweites Vorgehen außerdem sehr schwierig. Wer orchestriert hier an zentraler Stelle? Wo werden Experten zusammengezogen? Es ist viel in Bewegung aber die Patchwork Familie muss gemanaged werden. Es gilt schnell und – ja unpolitisch – zu handeln, da Cyberkriminelle, Spione und Saboteure sicher nicht warten.

Resilienzpolitik verlangt nach einer anderen strategischen Ausrichtung und erfordert eine unabhängige, ressortübergreifende Koordination.

Deutschland braucht politische Führungsverantwortung für Resilienz

Wir leben in einer Zeit, in der Sicherheit nicht mehr nur ein Thema für Polizei, Militär oder Firewalls ist. Sie ist wirtschaftlich, geopolitisch und gesellschaftlich relevant. Die Grenze zwischen zivilen und staatlichen Krisen verschwimmt. Cybersecurity ist längst ein Thema für Vorstände, Resilienz muss also auch zur Chefsache in der Politik werden.

Ein CRO für Deutschland würde genau das symbolisieren: Die Bundesregierung übernimmt Führungsverantwortung für die Resilienz des Landes – jenseits von Parteigrenzen und Wahlzyklen.

Deutschland ist kein Start-up – aber wir müssen lernen, wie eines zu denken: agil, vernetzt, risikobewusst. Ein Chief Resilience Officer wäre das organisatorische Upgrade, das unsere Sicherheitsstruktur dringend braucht.

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