Cyber Polygon 2021 Immun gegen eine digitale Pandemie?

Autor / Redakteur: Anna Kobylinska und Filipe Martins / Peter Schmitz

„Noch schlimmer als COVID-19“: Unter dieser Prämisse veranstaltete das Weltwirtschaftsforum einen simulierten Cyber-Angriff auf globale Lieferketten im Rahmen des Cyber Polygons am 9. Juli 2021. Mit dieser Simulation wollen Cyber-Experten mögliche Szenarien und Folgen eines solchen Schreckensszenarios untersuchen.

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Es sei „wichtig, die COVID-19-Krise als Gelegenheit aufzugreifen, um über die Lehren der Cybersecurity-Gemeinde nachzudenken und „unsere Unvorbereitetheit auf eine mögliche Cyber-Pandemie“ aufzugreifen, so Professor Schwab, der Gründer des Weltwirtschaftsforums .
Es sei „wichtig, die COVID-19-Krise als Gelegenheit aufzugreifen, um über die Lehren der Cybersecurity-Gemeinde nachzudenken und „unsere Unvorbereitetheit auf eine mögliche Cyber-Pandemie“ aufzugreifen, so Professor Schwab, der Gründer des Weltwirtschaftsforums .
(© Creativa Images - stock.adobe.com)

Bei dem Cyber Polygon handelt es sich um eine jährliche Cybersecurity-Veranstaltung des Weltwirtschaftsforums im Rahmen der Plattform Centre for Cybersecurity. Sie entstand aus der Initiative des Cyberspezialisten BI.ZONE.

Cyber Polygon kombiniert die weltweit größte technische Trainingsübung für Unternehmensteams und eine Online-Konferenz mit hochrangigen Vertretern von internationalen Organisationen aus dem öffentlichen und privaten Sektor. Jedes Jahr bringt die Veranstaltung Unternehmen und Regierungsbehörden zusammen; der Live-Stream zieht Millionen von Zuschauern aus der ganzen Welt an.

Die diesjährige Konferenz befasst sich mit den wichtigsten Risiken der Digitalisierung und den Best Practices für die sichere Entwicklung digitaler Ökosysteme. Die begleitende Diskussion soll Risiken von Angriffen gegen die Lieferketten wie auch Ransomware-Attacken und dem Aufbau „widerstandsfähiger“ digitaler Währungen thematisieren (siehe dazu auch den Bericht „Ransomware und DDoS gegen IoT-Systeme“ und „CBDCs. Der digitale Euro“).

Fred Voccola, Geschäftsführer von Kaseya, musste für die Supply-Chain-Attacke gegen seine Kunden und deren Nutzer geradestehen.
Fred Voccola, Geschäftsführer von Kaseya, musste für die Supply-Chain-Attacke gegen seine Kunden und deren Nutzer geradestehen.
(Bild: Kaseya)

In der bisher größten Ransomware-Attacke der IT-Geschichte hatten Hacker Anfang Juli die Systeme von Kaseya, einer in Florida ansässigen IT-Sicherheitsfirma, ausgenutzt, um ihre Kunden und deren Kunden zu erpressen – eine klassische Supply-Chain-Attacke. Kaseya ist ein Anbieter von IT-Lösungen für Managed Service Provider (MSPs) und Unternehmenskunden aus U.S.-Bundesstaat Florida. Die rund 37.000 Kunden von Kaseya sind IT-Outsourcer für insgesamt eine Million von KMUs weltweit, darunter Rechtsanwaltskanzleien, Fitnessstudios und Zahnarztpraxen. Schätzungsweise 800 bis 1500 dieser Unternehmen, darunter auch einige nicht benannte deutsche Mittelständler, sollen von dem Cyber-Angriff betroffen sein.

Die schwedische Supermarktkette Coop musste am ersten Juli-Wochenende rund 800 ihrer Filialen dicht machen, um die Kassensysteme herunterzufahren (mehr über Attacken gehen Supply-Chains siehe den Bericht „Risiko: Supply-Chain-Attacken“ und über mögliche Lösungen den Artikel „Blockchains in den Versorgungsketten“). Die Täter nutzten Ransomware-as-a-Service von REvil. Für ein universelles Entschlüsselungs­werkzeug fordern die Cyberdiebe 70 Millionen USD.

Das Schreckensgespenst des freien Internets

Professor Klaus Schwab, Gründer und geschäftsführender Vorsitzender des Weltwirtschaftsforums.
Professor Klaus Schwab, Gründer und geschäftsführender Vorsitzender des Weltwirtschaftsforums.
(Bild: World Economic Forum)

„Wir alle kennen das Schreckensszenario eines umfassenden Cyberangriffs und doch schenken wir ihm zu wenig Beachtung“ kritisierte vor einem Jahr der Gründer und geschäftsführende Vorsitzender des Weltwirtschaftsforums Professor Klaus Schwab. Cyberkriminelle hätten die COVID-Pandemie ausgenutzt.

Ein Jahr später klingen Schwabs Worte beinahe prophetisch, denn Ransomware-Angriffe auf kritische Infrastrukturen auf der ganzen Welt haben im Laufe der Pandemie das Transportwesen (Colonial Pipeline), Krankenhausdienste (Irlands HSE) und die Lebensmittelversorgung (u.a. von JBS, einem WEF-Partner) wiederholt bedroht.

Eine umfassende Cyberattacke könnte in den Worten des deutschen Wirtschaftswissenschafters nicht nur die Stromversorgung, den Transport und die Krankenversorgung, sondern die Gesellschaft als Ganzes „zum Erliegen bringen“. Im Vergleich zu einer massiven Cyberattacke würde die COVID-19-Krise in dieser Hinsicht wie „eine kleine Störung“ aussehen.

Um den negativen Effekten einer Cyber-Pandemie entgegenzusteuern, fordert das World Economic Forum internationale Regulierung im Netz: die Globalisierung der Governance für alle Aktivitäten und Inhalte im Internet. Was genau darunter zu verstehen ist, steht bisher nicht fest.

Die Digitalisierung hat in der Pandemie deutlich an Schwung gewonnen. Im Zuge der Transformation der Wirtschaft und Gesellschaft bilden sich neue digitale Ökosysteme heraus, die unsichtbare Verknüpfungen und gegenseitige Abhängigkeiten über Dienstleistungen und Lieferketten hinweg schaffen. Eine „Cyber-Pandemic“ könnte dieses feine Geflecht der Interdependenz auflösen, glauben die Lenker des Weltwirtschaftsforums.

Es sei „wichtig, die COVID-19-Krise als Gelegenheit aufzugreifen, um über die Lehren der Cybersecurity-Gemeinde nachzudenken und „unsere Unvorbereitetheit auf eine mögliche Cyber-Pandemie“ aufzugreifen, so Professor Schwab.

Anknüpfend an die letztjährige Cyber-Pandemie-Simulation plante das WEF im diesjährigen Cyber Polygon zwei Echtzeit-Trainingsübungen mit 120 Organisationen aus 29 Ländern abhalten. Auf der Agenda stand die Abwehr einer „gezielten Supply-Chain-Attacke gegen ein Unternehmens-Ökosystem“.

Ein „Kriegsspiel“ zur Stärkung der Cyber-Immunität

Einige der führenden Industrienationen befinden sich inmitten eines technologischen Rüstungswettlaufs um die einbruchsfähigste Technologie. Diese Entwicklungen haben das Potenzial, auf die Cyber-Realitäten der globalen Wirtschaft überzuschwappen.

Durchschnittlich alle 11 Sekunden fällt ein Unternehmen irgendwo auf der Welt einer Ransomware-Attacke zum Opfer, schätzt der Sicherheitsspezialist Cybersecurity Ventures. Das Unternehmen beziffert die weltweiten Verluste durch Ransomware im laufenden Jahr auf satte 20 Milliarden US-Dollar.

REvil hat sich aber zumindest bei der aktuellen Attacke anscheinend übernommen. „Dieser Angriff ist offenbar viel größer ausgefallen, als [die Cyber-Täter] erwartet hatten, und er bekommt zudem auch noch eine Menge Aufmerksamkeit“, kommentiert Allan Liska, ein Analyst bei der Cybersicherheitsfirma Recorded Future. Lösegeld-Zahlungen von so vielen Opfern zu verwalten, sei für die Täter „ein Alptraum“, sagt Liska. Aus diesem Grunde hätten die Hacker eben einen Pauschalbetrag für die Gesamtheit aller Betroffenen gefordert. Ob die Versicherer der werthaltigsten Opfer darauf eingehen wollen? Mal schauen.

In rund drei Monaten muss sich Fred Voccola, der Geschäftsführer von Kaseya, in Las Vegas dem Publikum von ConnectIT Global stellen. „Die wichtigste IT-Veranstaltung des Jahres“ findet zwischen dem 19 und dem 22. Oktober 2021 statt und Voccola zählt zu den Sprechern.

Ein massiver Vorstoß in den Cyber-Space

Ein Nebeneffekt der Covid-19-Pandemie war ein globaler Rüstungswettlauf der Turbo-Digitalisierung. Unternehmen mussten zur Wahrung ihrer Geschäftskontinuität auf lang aufeinander eingespielte Abläufe verzichten und bewährte Arbeitsmethoden kurzerhand über Bord werfen. In vielen Fällen haben sie hierbei unweigerlich Cyber-Tätern ein breites Einfallstor für Cyberspionage und Ransomware-Attacken geöffnet. Das junge Home-Office und die vielen M2M-Kommunikationswege industrieller IoT-Endpunkte bieten unzählige Angriffsvektoren und damit ein reiches Betätigungsfeld für organisierte Cyber-Kriminalität.

Das digitale Gewebe der hypervernetzten Wirtschaft ist vielerorts mit heißer Nadel gestrickt und außergewöhnlich verwundbar. Die digitaltransformierte Realität ist nicht immun gegen Cyber-Attacken; ganz im Gegenteil: Die erste „Feuerprobe“ steht ihr ja erst noch bevor.

Sollte auf die COVID-Krise tatsächlich eine „Cyber-Pandemie“ folgen, bei der ganze Industrien in einer Kettenreaktion in sich zusammenbrechen, käme die globalisierte Wirtschaft zum Erliegen – und damit wären der soziale Frieden und das geopolitische Gleichgewicht in Gefahr.

Die Risiken sind unumstritten. Doch welche präventiven Gegenmaßnahmen eine freie Gesellschaft jetzt wirksam ergreifen kann, damit die hart erkämpften Freiheitsrechte nicht unwiederbringlich der bloßen Hoffnung auf Normalität zum Opfer fallen, ist bisher unklar.

Die naheliegendste Lösung ist nicht immer automatisch die beste. Ein umfassendes Verständnis der Langzeit-Auswirkungen der verschiedenen Szenarien bedarf daher einer kritischen Analyse und einer offenen Diskussion.

Über die Autoren: Anna Kobylinska und Filipe Pereira Martins arbeiten für McKinley Denali Inc. (USA).

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