Europa steht bei Künstlicher Intelligenz, digitaler Souveränität und Fachkräftesicherung unter Zugzwang: Nur wer eigene Kompetenzen, transparente KI-Systeme und starke Cybersicherheit aufbaut, stärkt seine Widerstandskraft im digitalen Raum.
Das Trend-Statement von Andreas Lüning, G DATA, beleuchtet wie die Grundlage für widerstandsfähige Infrastrukturen in den nächsten Jahren geschafft werden kann.
(Bild: D DATA)
Wenn wir heute über KI-Systeme sprechen, stehen meist die Modelle großer Hyperscaler im Mittelpunkt. Diese Systeme überzeugen zwar durch ihre Leistungsfähigkeit und vielfältigen Einsatzmöglichkeiten. Doch sie sind oft Blackboxes: Die Herkunft der Daten, die Trainingsprozesse und die internen Kontrollmechanismen liegen außerhalb des europäischen Einflussbereichs. Das schränkt für europäische Unternehmen die digitale Souveränität ein. Insbesondere wenn sensible Daten oder Compliance-Anforderungen nach EU-Recht wichtiger werden.
Für den Einsatz von effizienzsteigernder KI braucht es jedoch häufig spezialisierte, transparente und zuverlässig regelkonforme Systeme. Kleinere oder selbst entwickelte Modelle lassen sich auf interne Daten abstimmen und bieten mehr Kontrolle. Gleichzeitig lassen sie sich präzise an EU-Regularien wie den AI Act anpassen. Dadurch schaffen sie nicht nur Vertrauen, sondern auch technische Unabhängigkeit von globalen Anbietern.
Gleichzeitig steigt das Risiko, dass Cyberkriminelle große oder selbst trainierte KI-Systeme für Angriffe missbrauchen. Angreifer nutzen KI, um Phishing-Attacken zu perfektionieren, Schwachstellen schneller aufzuspüren oder Malware dynamisch anzupassen. Je leistungsfähiger die Modelle sind, desto größer wird das Potenzial für automatisierte, hochgradig personalisierte Angriffe.
Damit wird klar: KI birgt sowohl Chancen als auch Risiken. Europa braucht also eigene, souveräne Systeme – und zugleich starke Schutzmechanismen, um KI-gestützte Angriffe wirkungsvoll abzuwehren.
Digitale Souveränität wird in Europa und besonders in Deutschland zwar häufig als strategisches Ziel genannt, doch die Definitionen reichen dabei von bloßer digitaler Handlungsfähigkeit bis hin zu umfassender technologischer Autarkie. Während einige Handelnde darunter vor allem verstehen, digitale Technologien sicher auszuwählen, zu integrieren und zu betreiben, formulieren andere deutlich ambitioniertere Ziele: eigene Plattformen, eigene KI-Systeme und eigene Infrastrukturen. Diese Bandbreite zeigt sich nicht nur in der Wirtschaft, sondern insbesondere in der Verwaltung – von Kommunen über Länder bis hin zum Bund. Gerade dort ist die Abhängigkeit von externen Systemen besonders spürbar. Beispielsweise wenn sicherheitsrelevante Applikationen auf nicht-europäische Dienste angewiesen sind oder sich Modernisierungsprozesse aufgrund fehlender eigener Technologien verzögern.
In der Cybersicherheit wird sichtbar, wie kritisch diese strukturelle Abhängigkeit ist. Ohne eigene digitale Kernkompetenzen bleibt Europa anfällig für Sicherheitslücken, geopolitische Einflussnahmen und extern gesetzte Prioritäten. Eine reine Aufholjagd – also das Hinterherlaufen hinter globalen Technologieführern – ist unrealistisch und verstärkt die Abhängigkeit langfristig sogar.
Deshalb sind entschlossene und nachhaltige Investitionen in Forschung, Fachkräfte, eigene technische Standards sowie eine klare Zukunftsvision in Verwaltung und Wirtschaft notwendig. Europa und Deutschland müssen wieder selbst gestalten, statt nur zu nutzen. Nur durch eigenständige Innovationen wird digitale Souveränität zu einem realistischen Ziel und bildet so die Basis für eine sichere, selbstbestimmte digitale Zukunft.
Kompetenzen, Standards und Fachkräfte für digitale Resilienz
Der Fachkräftemangel in der IT- und Informationssicherheit wird immer mehr zu einem zentralen Risiko für die digitale Zukunftsfähigkeit Deutschlands. Cybersicherheit ist die Grundlage jeder nachhaltigen Digitalisierung, doch sie ist nicht nur eine Frage der richtigen Software oder geeigneter Produkte. Von entscheidender Bedeutung ist das Wissen der Menschen, die diese Systeme planen, betreiben, überwachen und weiterentwickeln. Fehlen qualifizierte Fachkräfte, bleiben selbst modernste Sicherheitslösungen wirkungslos. Gleichzeitig steigen die Anforderungen rasant: Komplexere IT-Landschaften, regulierte Branchen, KI-gestützte Angriffe und die steigende Bedeutung kritischer Infrastrukturen erfordern tiefes und spezialisiertes Fachwissen.
Stand: 08.12.2025
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Ein wesentlicher Schritt bildet die Stärkung des Berufsbilds in der Breite – beispielsweise durch die Einführung eines anerkannten Ausbildungsberuf, etwa „Fachinformatiker für IT-Sicherheit“ oder prägnanter „Fachkraft für Informationssicherheit“. Dieses Berufsbild könnte Jugendlichen frühzeitig aufzeigen, dass Informationssicherheit ein eigenständiger, attraktiver und gesellschaftlich relevanter Berufsweg ist. Viele Nachwuchskräfte stoßen erst spät oder zufällig auf diese Disziplin. Eine formelle Ausbildung sorgt nicht nur für mehr Sichtbarkeit, sondern setzt auch verbindliche Qualitätsstandards, die Unternehmen und Verwaltungen dringend benötigen. Damit ließe sich langfristig eine solide Basis schaffen, um dem Fachkräftemangel wirksam entgegenzuwirken und Deutschlands digitale Resilienz nachhaltig zu stärken.
Es zeigt sich, dass alle drei Themen untrennbar miteinander verknüpft sind. KI verändert sowohl die Dynamik von Angriffsversuchen als auch die Art und das Tempo, mit der wir verteidigen müssen. Digitale Souveränität ist dabei der Rahmen, in dem Europa und Deutschland Technologien sicher, unabhängig und langfristig tragfähig einsetzen können. Und ohne ausreichend qualifizierte Fachkräfte bleibt jedoch jede technische oder strategische Vision letztlich nur Theorie. Erst das Zusammenspiel aus kompetenten Menschen, souveränen Technologien und verantwortungsvoll genutzter KI schafft die Basis für eine widerstandsfähige digitale Zukunft.
Über den Autor: Andreas Lüning, Mitgründer und Vorstand der G DATA CyberDefense.