Der Ransomware-Fall Hoya zeigt eindrücklich: In der industriellen Realität scheitern viele Unternehmen nicht an der Technik, sondern an Struktur, Übersicht und Reaktionsfähigkeit. Dieser Beitrag analysiert, wie Angreifer wirklich vorgehen – und was industrielle Sicherheit jenseits von unrealistischen Standardvorgaben leisten muss.
Der Ransomware-Angriff auf Hoya zeigt exemplarisch, wie Angreifer Produktionssysteme lahmlegen und warum Unternehmen mehr als formale Krisenpläne brauchen.
Ransomware trifft Produktion: Der Fall Hoya (2024)
Im April 2024 wurde der japanische Hersteller optischer Komponenten, Hoya Corporation, Opfer eines massiven Ransomware-Angriffs. Die Tätergruppe Hunters International, ein Ableger der früher berüchtigten Hive-Gruppe, forderte 10 Millionen US-Dollar Lösegeld. Insgesamt wurden rund 1,7 Millionen Dateien mit einem Umfang von 2 Terabyte exfiltriert. Die Produktion in mehreren Werken kam zum Erliegen, Kundenbestellungen konnten nicht mehr bearbeitet werden.
Obwohl Hoya selbst keine technischen Details veröffentlichte, lassen sich basierend auf dem bekannten Vorgehen von Hunters International und vergleichbaren Angriffen typische Taktiken rekonstruieren:
1. Initial Access: Die Angreifer nutzen meist öffentlich zugängliche Schwachstellen (z. B. CVE-2020-14644 in Oracle WebLogic Server) oder kompromittierte Zugangsdaten, um in das Unternehmensnetzwerk einzudringen.
2. Lateral Movement: Nach dem Einstieg bewegt sich die Rust-basierte Ransomware seitlich im Netzwerk – z. B. über RDP, SMB oder legitime Admin-Tools wie PsExec.
3. Discovery & Targeting: Produktionsrelevante Systeme wie Engineering-Workstations, zentrale Dateiserver oder SCADA-Datenbanken werden gezielt identifiziert – insbesondere in Umgebungen ohne Segmentierung zwischen IT und OT.
4. Data Exfiltration: Noch vor der eigentlichen Verschlüsselung werden große Datenmengen extrahiert, um zusätzlichen Erpressungsdruck aufzubauen.
5. Encryption & Impact: Systeme werden verschlüsselt, SCADA-Interfaces blockiert, Produktion gestoppt. Die Forderung erfolgt über typische Lösegeldhinweise, mit Fristsetzung und Drohung zur Veröffentlichung sensibler Daten.
Typischer Ablauf eines Ransomware-Angriffs – von der ersten Kompromittierung bis zur Verschlüsselung und Betriebsunterbrechung.
(Bild: Marcel Baschisada)
Der Hoya-Angriff zeigt exemplarisch, wie moderne Ransomware-Akteure – mit mäßigem technischem Aufwand, aber hoher Wirkung – industrielle Produktion ins Visier nehmen. Die Kombination aus unzureichender Netzwerktrennung, fehlender Sichtbarkeit und ungetesteten Reaktionsplänen macht viele Organisationen zu leichten Zielen.
Wenn der Krisenplan versagt: Warum industrielle Reaktionen oft im Chaos enden
Was bei Hoya sichtbar wurde, ist kein Einzelfall – sondern ein Muster, das sich in fast jeder industriellen Krise wiederholt. Nicht wegen Technik. Sondern wegen Menschen, Prozesse – und Illusionen.
Viele Unternehmen verfügen formal über Incident-Response-Pläne – doch im Ernstfall versagen diese. Die Gründe liegen selten in der Technik allein, sondern fast immer in einem fehlenden Zusammenspiel aus Organisation, Klarheit und Training.
In der Krise treffen zwei Kulturen aufeinander, die oft in Silos agieren: Die IT-Abteilung konzentriert sich auf Isolierung, Bekämpfung und forensische Analyse – mit dem Ziel, Bedrohungen einzugrenzen und Spuren zu sichern. Gleichzeitig drängen OT-Teams darauf, den Produktionsbetrieb schnellstmöglich wiederherzustellen, auch wenn dafür Kompromisse in der Sicherheit eingegangen werden müssen. Ohne eine vorher klar abgestimmte Entscheidungsarchitektur – insbesondere bei Beteiligung externer Dienstleister oder internationaler Teams – führt dieser Zielkonflikt fast zwangsläufig zu widersprüchlichem Handeln, Verzögerungen und Fehlentscheidungen.
Kein Überblick, keine Reaktion
In vielen Fällen fehlt es an grundlegender Netzwerktransparenz – etwa durch ein fehlendes oder veraltetes Asset Inventory: Welche Komponenten sind im Einsatz? Welche Systeme sind wirklich kritisch? Wer hat Zugriff – und über welche Schnittstellen? Diese Informationslücken führen im Ernstfall zu Blindflug und Verzögerung.
Denn Stillstand in der Industrie ist mehr als ein IT-Problem: Er kostet Vertrauen, Zeit – und oft Millionen.
Viele Tabletop Exercises (TTX) bleiben oberflächlich und generisch. Sie basieren auf Standardabläufen, vermeiden echte Zielkonflikte und fördern kein wirkliches Lernen im Krisenteam. Statt kritische Entscheidungsprozesse unter Zeitdruck zu trainieren und Silos zwischen OT, IT und Management aufzubrechen, verlaufen sie oft als harmlose Planspiele. Das Ergebnis: Reaktionspläne sehen gut aus – scheitern aber unter realem Druck.
In der Übung wirken sie harmlos – im Ernstfall führen sie zu Chaos, Ausfällen und hohen Kosten.
Vom Plan zur Resilienz: Was wirklich funktioniert
Wie gelingt der Wandel vom dokumentierten Krisenplan zu echter industrieller Resilienz? Es sind nicht nur Systeme, die geschützt werden müssen – sondern vor allem Menschen, die in Extremsituationen klare Entscheidungen treffen können. Fünf Hebel machen hier den Unterschied – wenn man sie im Ernstfall abrufen kann.
Realistische Krisenübungen – die nicht nur auf dem Papier bestehen – sind der Prüfstein jedes Sicherheitskonzepts. Wer seine Resilienz verbessern will, muss nicht nur Systeme beobachten, sondern auch Reaktionen trainieren: mit Zeitdruck, Zielkonflikten und echten Entscheidungsmomenten. Nur so wird sichtbar, ob Pläne auch in dynamischen OT-Krisen wirklich tragen.
Die Grundprinzipien für widerstandsfähige industrielle Sicherheit sind bekannt – und werden doch oft vernachlässigt. Der SANS ICS 5 Critical Controls-Rahmen bleibt der praktikabelste Einstieg für Organisationen, die ihre OT-Resilienz ernsthaft verbessern wollen.
Stand: 08.12.2025
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1. Incident Response Plan: OT-spezifische Pläne müssen existieren, getestet sein und Szenarien wie verschlüsselte SCADA-Server oder manipulierte PLC-Logik abdecken. Sie sollten regelmäßig durch realistische Tabletop Exercises (TTX) überprüft werden – mit echten Zielkonflikten, Zeitdruck und interdisziplinärer Beteiligung.
2. Defensible Architecture: Netzwerksegmentierung, starke Firewalls und Schutz öffentlicher Schnittstellen (z. B. RDP, VPN) sind essenziell.
3. Visibility and Monitoring: OT-Monitoring muss Protokolländerungen und unnormale Muster erkennen – kombiniert mit Übungen, die das Team auf reale Warnsignale vorbereiten.
4. Secure Remote Access: Ad-hoc-Fernzugriffe ohne Logging oder MFA sind Einfallstore. Einheitliche Zugangskontrollen sind Pflicht.
5. Risk-Based Vulnerability Management: CVE-Bewertung muss branchenspezifisch und priorisiert erfolgen. Kritische Schwächen dürfen nicht ignoriert werden.
Diese Prinzipien sind praxisnah. Wer sie umsetzt, verhindert genau jene Schwächen, die Angreifer ausnutzen. Die nächste Krise kommt ohne Vorwarnung – aber mit Folgen.
Autor: Marcel Baschisada ist Berater für industrielle Cybersicherheit mit Fokus auf Krisensimulationen und Incident-Response-Strategien. Er unterstützt Unternehmen bei der Entwicklung realistischer TTX, praxisnaher Sicherheitskonzepte und strukturierter Vorbereitungsprogramme.
Über den Autor: Marcel Baschisada ist Berater für industrielle Cybersicherheit mit Fokus auf Krisensimulationen und Incident-Response-Strategien. Er unterstützt Unternehmen bei der Entwicklung realistischer TTX, praxisnaher Sicherheitskonzepte und strukturierter Vorbereitungsprogramme.