Ungeplante Produktionsausfälle in der Fertigungsindustrie können innerhalb weniger Stunden Millionen kosten. Wer Legacy-Anlagen nach einem Cyberangriff austauschen muss, zahlt oft das Doppelte. OT-Security ermöglicht dagegen gezielten Schutz bestehender Anlagen und verschafft Produktionsverantwortlichen Zeit für eine Modernisierung nach eigenem Zeitplan.
Veraltete OT-Systeme sind leichte Ziele für Angreifer, ein Austausch kostet Millionen. OT-Security sichert Anlagen und verschafft Betreibern Zeit für strategische Modernisierung.
(Bild: Dall-E / KI-generiert)
In der modernen Fertigungsindustrie stellt sich für Betreiber zunehmend eine geschäftskritische Frage: Wie lassen sich in die Jahre gekommene, aber unverzichtbare Operational Technology (OT)-Systeme in einer vernetzten Welt absichern, ohne sie für Millionenbeträge austauschen zu müssen? Veraltete Betriebssysteme in Fabrikhallen oder Werkstätten sind ein leichtes Ziel für Cyberkriminelle. Ein präziser Blick auf die technologischen Lösungswege zeigt, warum die strategische Lebensdauerverlängerung durch spezialisierte OT-Security oft der wirtschaftlichste und sicherste Ansatz ist.
Vielen OT-Sicherheitsverantwortlichen und Produktionsleitern wird folgende Situation vertraut vorkommen: In einer Fertigungshalle steht eine Workstation, die seit Jahren äußerst zuverlässig ihren Dienst verrichtet und eine geschäftskritische Produktionslinie am Laufen hält. Auf diesem System läuft eine hochgradig maßgeschneiderte Software, die über spezifische industrielle Protokolle mit den speicherprogrammierbaren Steuerungen der Maschinen kommuniziert. Eine ungeschriebene, aber strikte Regel lautet in solchen Umgebungen: „Never touch a running system.“ Jeder Versuch, das veraltete Betriebssystem zu aktualisieren oder die Softwarearchitektur zu patchen, birgt das massive Risiko, das empfindliche Zusammenspiel der Komponenten zu stören und die Anlage zum Stillstand zu bringen.
Um dieses Risiko zu umgehen, verlassen sich Industrieunternehmen traditionell auf das Konzept des „Air-Gapping“ – die strikte physische und netzwerktechnische Isolierung der Anlage von der Unternehmens-IT und dem Internet. Doch die Realität der täglichen Betriebsabläufe entlarvt dieses Konzept allzu oft als trügerische Illusion. Eines Tages schließt ein Mitarbeiter oder externer Servicetechniker völlig routinemäßig einen USB-Stick an, um ein Update für ein Produktionsrezept aufzuspielen. In genau diesem unscheinbaren Moment löst sich der vermeintlich sichere Air-Gap in Luft auf.
Da das in die Jahre gekommene Legacy-System keine moderne Sicherheitssoftware unterstützt, bleibt diese Kompromittierung unbemerkt. Die fatalen Konsequenzen zeigen sich erst, wenn die Produktion als Folge einer erfolgreichen Ransomware-Attacke abrupt gestoppt wird. Das Unternehmen sieht sich plötzlich nicht nur mit erpressten Daten und massiven Lieferverzögerungen konfrontiert, sondern auch mit einer Ersatzbeschaffung, deren Kosten sich schnell auf zwei bis fünf Millionen US-Dollar belaufen können. Hinzu kommen oftmals bis zu sechs Monate für die gesetzliche oder normative Neuvalidierung der Anlagen und wochenlange Ausfallzeiten.
Vier strategische Wege im Umgang mit Legacy-Risiken
Wenn Legacy-Systeme in kritischen Infrastrukturen und Fertigungslinien zu massiven Sicherheitsrisiken werden, stehen Unternehmen im Wesentlichen vier Handlungsoptionen zur Verfügung. Keine davon ist trivial, und jede bringt tiefgreifende Konsequenzen mit sich.
1. Weiterbetrieb und das Prinzip Hoffnung: Die einfachste, aber gefährlichste Option besteht darin, keine technischen Veränderungen vorzunehmen. Die Produktion läuft unverändert weiter, und das Management hofft schlichtweg, dass Cyber-Bedrohungen das eigene Unternehmen ignorieren. Dieser passive Ansatz erfordert anfänglich keinen Aufwand, ist jedoch ein reines Glücksspiel. Angesichts sich rapide verschärfender Compliance-Vorgaben und immer ausgefeilterer Angriffsmethoden ist das Risiko immens. Spätestens, wenn Auditoren im Rahmen von Prüfungen, die nicht mehr unterstützten und ungeschützten Systeme hinterfragen, scheitert diese Strategie. Fehlgeschlagene Audits führen zu hastigen Sanierungsplänen und resultieren am Ende dennoch in Notfallausgaben – allerdings unter hohem Rechtfertigungsdruck.
2. Trügerische Sicherheit durch Netzwerksegmentierung: Ein proaktiverer Schritt ist die Netzwerksegmentierung. Durch den gezielten Einsatz von VLANs und Firewalls werden Legacy-Systeme vom restlichen Unternehmensnetzwerk und der IT getrennt. Dies reduziert zweifellos die unmittelbare Angriffsfläche. Das entscheidende Defizit dieses Ansatzes ist jedoch: Segmentierung beseitigt nicht die zugrundeliegenden Schwachstellen der Maschinen, sie baut lediglich höhere Mauern. Gelingt es einem Angreifer, in diese segmentierte Zone einzudringen – sei es durch Social Engineering, kompromittierte Zugangsdaten oder direkten physischen Zugang in der Betriebsstätte –, sind die ungepatchten Anlagen weiterhin völlig schutzlos.
3. Erzwungener Systemaustausch unter maximalem Druck: Oftmals wird die Entscheidung durch einen realen Cyber-Vorfall erzwungen. Ein Breach zwingt das Unternehmen zum sofortigen Handeln, und neue Systeme müssen im absoluten Krisenmodus implementiert werden. Notfallbeschaffungen, extrem beschleunigte Integrationspläne und Krisenzuschläge lassen die Budgets explodieren. Wie Daten von Siemens aus dem Jahr 2024 belegen, können allein die Kosten für ungeplante Ausfallzeiten in Automobilwerken über 2,3 Millionen US-Dollar pro Stunde betragen. Selbst kurze Unterbrechungen führen hier zu gewaltigen finanziellen Kaskadeneffekten. Bei dieser Option zahlt das Unternehmen nicht nur den Preis für neue Hardware, sondern vor allem den extremen Aufschlag, der durch das Fehlen von Alternativen entsteht.
4. Die strategische Lebensdauerverlängerung: Die vierte und oftmals übersehene Option ist der Schutz der bestehenden Legacy-Infrastruktur bei gleichzeitiger Verlängerung ihrer sicheren Betriebsdauer. Dieser Weg setzt auf maßgeschneiderte Sicherheitskontrollen, die explizit für Legacy-Umgebungen entwickelt wurden und ohne jegliche Modifikation der zugrundeliegenden Systeme funktionieren. Unternehmen können moderne Schutzmechanismen integrieren, ohne die Stabilität der Anlagen zu riskieren. Diese Strategie verhindert unvorhergesehene Millioneninvestitionen und ermöglicht es, Modernisierungsprojekte entspannt nach dem eigenen Geschäftszeitplan umzusetzen.
OT-zentrierte Sicherheitstechnik: Schutz im laufenden Betrieb
Die wichtigste Erkenntnis für die Industrie lautet somit: Legacy-Systeme müssen keine dauerhaften Risikofaktoren bleiben. Eine strategische Verlängerung der Lebensdauer ermöglicht es, alte Anlagen für weitere sieben bis zehn Jahre abzusichern. Denn die restlichen Optionen sind angesichts der oben erwähnten Faktoren eigentlich keine Alternativen.
Hierfür bedarf es jedoch spezialisierter OT-Sicherheitslösungen. Herkömmliche IT-Sicherheitstools, die notdürftig für industrielle Zwecke umkonfiguriert wurden, scheitern hier kläglich. Moderne OT-Sicherheitskonzepte werden von Grund auf für die strengen Restriktionen der Industrie entwickelt. Sie berücksichtigen, dass Anlagen nicht für Patches neu gestartet werden dürfen, der verfügbare Arbeitsspeicher oft stark limitiert ist und Latenzen oder Performance-Einbußen absolut inakzeptabel sind.
Um diese Hürden technisch zu meistern, setzen moderne Ansätze auf spezialisierte Methoden:
Virtuelles Patching: Diese Technologie legt eine Art Schutzschild vor bekannte Schwachstellen der Anlage. Sie wehrt Angriffe auf Systemebene ab, ohne dass das Betriebssystem der Maschine selbst aktualisiert oder berührt werden muss.
Anwendungskontrollen: Strenge Richtlinien sperren die Ausführung unbekannter Prozesse. Es wird exakt vorgegeben, welche Programme legitim sind. Jeder Versuch, unautorisierte Software (wie etwa Ransomware-Routinen) zu starten, wird von vornherein blockiert.
Prävention auf Netzwerkebene: Der industrielle Datenverkehr und protokollspezifische Kommunikationen werden in Echtzeit inspiziert. Schädliche Befehle werden erkannt und blockiert, bevor sie die kritische Hardware überhaupt erreichen.
Die Entscheidung zwischen dem hastigen Austausch oder dem intelligenten Schutz kritischer Legacy-Systeme ist weitaus mehr als eine reine Kostenabwägung. Es geht um die strategische Frage, wer den Zeitplan der industriellen Modernisierung bestimmt. Ein krisengetriebener Systemaustausch im Falle eines Cyberangriffs setzt die Angreifer an das Steuer. Eine proaktive, strategische Verlängerung der Lebensdauer durch passgenaue OT-Security holt die Kontrolle zurück in die Hände der Produktionsverantwortlichen.
Unternehmen, die diesen Weg gehen, vermeiden nicht nur Austauschkosten in Millionenhöhe pro geschütztem System, sondern gewinnen auch Jahre an wertvoller Zeit, um Investitionen in die Modernisierung strategisch und nach ihren eigenen geschäftlichen Prioritäten zu planen. So erhalten sie die betriebliche Stabilität, sichern mühsam erarbeitete behördliche Validierungen und schützen das unschätzbare Know-how ihrer Belegschaft. Der Schlüssel liegt darin, diese Entscheidungen proaktiv zu treffen, solange alle Handlungsoptionen offenstehen – denn sobald ein Cyber-Vorfall das Handeln erzwingt, schwinden die Möglichkeiten und die verbleibenden Alternativen werden drastisch teurer.
Stand: 08.12.2025
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Über den Autor: Morris Becker ist Regional Director DACH bei TXOne Networks.