Die Bedrohungslage im Cyberspace ist aktuell so hoch wie nie zuvor. Wie ordnen Experten diese Entwicklung ein? Wir sprachen mit Stefan Schachinger, Product Manager Network Security bei Barracuda Networks, über aktuelle Entwicklungen in der IT-Sicherheit.
Über aktuelle Entwicklungen bei den Cyber-Risiken sprach Security-Insider mit Stefan Schachinger, Product Manager Network Security bei Barracuda Networks.
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Stefan Schachinger ist Product Manager Network Security bei Barracuda Networks.
(Bild: Barracuda Networks)
Zusätzlich zu den bekannten Cybercrime-Aktivitäten sehen sich Wirtschaft und Gesellschaft in Zusammenhang mit dem russischen Angriffskrieg auf die Ukraine mit völlig neuen Herausforderungen in der IT-Sicherheit konfrontiert. Das hat auch das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI) in seinem Lagebericht für 2022 festgestellt.
Security-Insider: Herr Schachinger, welche Entwicklung zum Themenfeld Cyber-Bedrohungen hat Sie 2022 am meisten überrascht?
Stefan Schachinger: Cyber-Bedrohungen machen nicht vor Ländergrenzen halt, die Welt ist anfällig für Angriffe. Das haben uns die geopolitischen Konflikte des vergangenen Jahres noch einmal deutlich vor Augen geführt. Kriminelle entwickeln viele Bedrohungen, etwa Ransomware, als eine Art erpresserisches Geschäftsmodell zum Geldverdienen. Das kennen wir schon länger. 2022 ist nun eine neue Qualität von Bedrohungen dazugekommen, als Länder und Organisationen, die nicht direkt in Konflikte verwickelt waren, plötzlich Opfer nationalstaatlich gesteuerter oder geduldeter Angriffe geworden sind, die mit einer Raffinesse durchgezogen wurden, die zuvor als unwahrscheinlich gegolten hat. Die Absicht dabei war nicht das Geldverdienen. Diese Hacker hatten und haben schlichtweg das Ziel, Infrastrukturen empfindlich zu stören. Diese Cyber-Verwundbarkeit zu erleben ist eine wichtige Lektion, die Gesellschaften und Unternehmen jetzt schnell lernen müssen, weil dieses Bedrohungsniveau 2023 und darüber hinaus absehbar nicht sinken wird.
Security-Insider: Welche Cyber-Risiken werden von Unternehmen bisher am ehesten unterschätzt?
Schachinger: Organisationen und Regierungen unterschätzen gleichermaßen die Gefahren, Opfer eines gezielten Angriffs zu werden. Sie unterschätzen ebenso, wie weitreichend die Auswirkungen eines solchen Angriffs sein können. In einer vernetzten Welt können die Abhängigkeiten enorm sein. Kleine Ursachen können größte Auswirkungen haben. Dazu überschätzen Unternehmen meist ihr Schutzniveau, ihre Fähigkeit, sich gegen Angreifer zu verteidigen, die wahrscheinlich bereits ihren Fuß in der IT-Tür haben. Und sie überschätzen die Wirksamkeit isolierter Security-Maßnahmen, die nur lose oder gar nicht integriert sind.
Security-Insider: Was sind vor diesem Hintergrund die wichtigsten Szenarien, auf die sich Unternehmen jetzt einstellen müssen?
Schachinger: Die Angriffsfläche vergrößert sich, da immer mehr vernetzte Dinge zur Infrastruktur hinzugefügt werden, mehr Cloud-Dienste in Verbindung mit Edge Computing genutzt werden und mobiles Arbeiten zunimmt. Unternehmen müssen IT-Security deshalb neu denken. Lange war das Ziel, sich vor einem ersten erfolgreichen Angriff zu schützen sowie Malware und Angreifer tunlichst von den Unternehmensnetzwerken fernzuhalten. Das gilt zwar immer noch, reicht aber bei Weitem nicht mehr aus. Es geht nicht mehr nur darum, Angriffe initial abzuwehren. Oberste Prämisse ist jetzt, sich zudem gegen Eindringlinge wehren zu können. Das gilt auch für alle Geräte und Dienste außerhalb der unternehmenseigenen Infrastruktur. Unternehmen müssen darauf vorbereitet sein, dass etwas oder jemand tatsächlich in ihre IT-Infrastruktur eindringt und sich dort eine längere Zeit aufhalten will. Die Unternehmens-IT braucht einen Plan, wie zu reagieren ist, wenn der Ernstfall eintreten sollte. Solange Kriminelle sehr leicht Opfer für ihre Angriffe - Stichwort Ransomware - finden, haben sie es gar nicht nötig, technisch besonders versiert vorzugehen. Umgekehrt kann man sich gegen breitgestreute Angriffe auch relativ einfach verteidigen. Im Prinzip braucht man nur besser sein als die anderen. Aber das wird sich ändern. Ich denke, wir werden 2023 Angriffe erleben, die sehr viel sorgfältiger vorbereitet sind, als wir das bisher gewohnt waren. Wenn Angreifer nun verstärkt detailliert recherchieren, gezielt nach Schwachstellen suchen und ihre Technologie an dem jeweiligen Ziel ihrer Attacken auszurichten, muss auch das Netz an Sicherheitsmaßnahmen in den Unternehmen dichter werden, um dem standzuhalten.
Security-Insider: Wie wird sich die Sicherheit also nun konkret anpassen?
Schachinger: Vor dem Hintergrund des anhaltenden Fachkräftemangels macht es wenig Sinn, einfach noch mehr zu fordern. Wir müssen unsere Konzepte überdenken. Moderne Sicherheitslösungen, die Anwendern, Geräten, Diensten und Workloads unabhängig vom Standort das implizite Vertrauen entziehen, werden zur Norm. Der Sinn und Zweck jeder Verbindung muss einer stetigen Überprüfung standhalten. Ein Zero-Trust-Konzept unterstützt Unternehmen dabei, komplexe Bedrohungen abzuwehren, indem der Kontext des "Wer", "Was", "Wann", "Wo" und "Wie" zum wichtigen Entscheidungskriterium wird. Das gilt aber nicht nur für Benutzer, sondern für die gesamte Infrastruktur. Besonders wichtig ist aber, dass wir all das ohne überbordende Komplexität bewerkstelligen. Sicherheitslösungen müssen zukünftig wesentlich einfacher in Betrieb zu nehmen und zu betreiben sein. Daher denke ich, dass 2023 das Thema SASE weiter voranschreiten wird. Dieses Konzept vereint moderne Sicherheitstechnologien für alle Endpunkte in einer vereinfachten Betriebsweise, ohne dabei technische Abstriche machen zu müssen. Ein wichtiger Aspekt von Sicherheitslösungen ist auch, den Überblick zu bewahren. Insgesamt haben wir im vergangenen Jahr im Bereich der Cyber-Security sehr viel erlebt und gelernt. Ich denke wir haben die richtigen Lösungen, um das Sicherheitsniveau deutlich zu heben. Jetzt ist es an uns allen, Lösungen auf Höhe der Zeit zu implementieren.
Stand: 08.12.2025
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