Cyberangriffe, Ransomware, Datendiebstahl – die digitale Welt ist längst ein globales Schlachtfeld. Doch während andere Nationen aufrüsten, scheint Deutschland noch immer zu zögern. Es ist Zeit, dass Unternehmer und Gesellschaft erkennen: Die digitale Sicherheit liegt in unseren Händen. Mut, Innovation und Wachsamkeit sind jetzt gefragt, um die Zukunft zu sichern.
Paul Rascheja, Gründer, Ethical Hacker und IT-Sicherheitsexperte im Gastkommentar.
(Bild: Privat)
Als Cybersicherheitsmitarbeiter hören wir jeden Tag Geschichten, die fast zu absurd sind, um wahr zu sein. Die Sekretärin, die dachte, sie spricht mit dem Microsoft-Support. Der Geschäftsführer, der meint, ein guter Virenscanner auf seinem alten Windows XP würde reichen. Oder der Kleinunternehmer, der sich fragt, warum eine Firma aus Brandenburg Ziel eines Angriffs sein sollte. Solche Anekdoten klingen harmlos, doch oft stecken dahinter existenzbedrohende Cyberangriffe.
Anfangs hatten wir noch Mitleid. Wir sahen Unternehmer, die plötzlich vor dem Nichts standen, und Mitarbeiter, deren Jobs in Gefahr waren. Doch mit der Zeit hat das Mitgefühl nachgelassen. Wie oft muss man noch erklären, dass wir seit Jahren in einer digitalen Wildnis leben? Einer Welt, in der Kriminelle aus aller Welt auf die Schwachen lauern. Wer das nicht versteht, hat schlichtweg versagt – und sollte vielleicht ernsthaft darüber nachdenken, den Ruhestand anzutreten, bevor er sein Unternehmen in den Abgrund reißt.
Das klingt hart? Vielleicht. Aber die Realität ist härter. Die meisten gehackten Firmen, mit denen wir zu tun haben, teilen ein gemeinsames Merkmal: eine Führung, die nicht mit der Zeit geht. Führungskräfte, die lieber hoffen, dass nichts passiert, anstatt aktiv zu handeln. Diese Haltung gefährdet nicht nur Unternehmen, sondern ganze Existenzen. Doch es gibt auch eine andere Gruppe: die Vorsichtigen. Meistens jüngere Unternehmer, die verstanden haben, dass in einer globalisierten, digitalisierten Welt Vorsicht besser ist als Nachsicht. Leider ist diese Gruppe deutlich kleiner.
Dabei dürfen wir eines nicht vergessen: Die westliche Welt befindet sich längst in einem Cyberkrieg mit Russland und China. Dieser Krieg wird nicht mit Panzern und Raketen geführt, sondern mit Schadsoftware, Ransomware und gezielten Hackerangriffen auf kritische Infrastrukturen und Unternehmen. Beide Staaten nutzen gezielt Schwachstellen aus, um Chaos zu stiften, Vertrauen zu erschüttern und geopolitische Macht zu demonstrieren – sei es durch die Lahmlegung von Systemen, massiven Datendiebstahl oder durch koordinierte Desinformationskampagnen.
Doch damit endet das Drama nicht. In Deutschland haben wir ein weiteres Problem: ein Land voller Talente, das diese nicht zu schätzen weiß. Informatiker, die Jahre ihres Lebens in Ausbildung und Studium gesteckt haben, verdienen oft nicht mehr als jemand mit einer einfachen Ausbildung. Kein Wunder, dass die Besten ins Ausland abwandern, nach Irland oder in die USA, wo sie doppelt so viel verdienen und gleichzeitig mehr Anerkennung erfahren. Es gibt genug Fachkräfte in Deutschland, doch sie finden kaum gut bezahlte Jobs. Viele sind so frustriert, dass sie die IT-Branche ganz verlassen. Und dann wundert sich Deutschland, warum es an Cybersicherheit fehlt.
Unsere heile westliche Welt, in der der Staat seine Bürger rundum versorgt, wird zunehmend zum eigenen Verhängnis.
Paul Rascheja
Bequemlichkeit hat ihren Preis, und dieser Preis wird im digitalen Zeitalter immer offensichtlicher. Anstatt sich zu wappnen und die eigenen „digitalen Krallen“ zu schärfen, verlassen sich viele darauf, dass der Staat oder andere Instanzen sie schon schützen werden. Doch diese Passivität macht sie zu idealen Zielen für Cyberkriminelle. Wer nicht wachsam ist, wer nicht bereit ist, Verantwortung für seine digitale Sicherheit zu übernehmen, ist in der heutigen Zeit ein gefundenes Fressen für Hacker, Betrüger und digitale Räuber.
Das Ergebnis dieser kollektiven Nachlässigkeit ist ein schleichendes Chaos, das sich immer tiefer in unsere Gesellschaft frisst. Unsicherheit breitet sich aus, und nirgendwo wird dies deutlicher als im digitalen Raum. Hier zeigt sich das wahre Ausmaß dieser Bequemlichkeit: Zigtausende Deutsche fallen täglich auf Phishing-Mails, gefälschte Support-Anrufe oder Fake-Webseiten herein – nicht, weil sie keine Möglichkeiten zum Schutz hätten, sondern weil sie die Dringlichkeit und Verantwortung schlicht ignorieren.
Die digitale Wildnis kennt keine Gnade. Hier gibt es keine Komfortzone, kein Netz, das uns auffängt. Sie belohnt die Starken und macht die Schwachen zur Beute. Und wenn wir nicht bald lernen, uns anzupassen, zu kämpfen und uns selbst zu schützen, dann wird diese Bequemlichkeit unser Untergang sein. Chaos und Unsicherheit werden dann nicht mehr die Ausnahme sein, sondern zur neuen Normalität werden.
Vor elf Jahren sagte Angela Merkel: „Das Internet ist für uns alle Neuland.“ Damals wurde sie belächelt, doch heute erweisen sich ihre Worte als erschreckend zutreffend. Für viele ist das Internet immer noch ein unbekanntes Terrain, und sie bewegen sich darin wie unerfahrene Wanderer, die mit Flip-Flops in die Wildnis aufbrechen. Kein Plan, keine Vorbereitung – und am Ende überrascht, wenn sie sich in einem Meer aus Gefahren wiederfinden.
Stand: 08.12.2025
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Während in den USA oder China neue Technologien konzipiert und sofort eingesetzt werden, diskutieren wir in Europa erst über Regulierungen. Das bremst Innovationen und verschreckt Start-ups. Es ist kein Zufall, dass viele europäische Gründer in den USA durchstarten, anstatt hier zu bleiben. Wenn Europa wettbewerbsfähig bleiben will, braucht es einen radikalen Wandel.
Europa muss seine Krallen wiederfinden, denn es hat alles, was es braucht, um im globalen Wettbewerb nicht nur mitzuhalten, sondern zu dominieren. Mit unzähligen Talenten, innovativen Köpfen und Ressourcen verfügt Europa über eine solide Grundlage, um die Herausforderungen der digitalen Welt zu meistern.
Was fehlt, ist der Wille zur Reform. Wenn wir mutig genug sind, unser System zu überdenken, Bürokratie abzubauen und die besten Ansätze aus Ländern wie den USA oder Estland zu adaptieren, können wir die Digitalisierung nicht nur bewältigen, sondern gestalten. Die digitale Wildnis muss uns keine Angst machen – sie ist eine Chance, unsere Stärken zu beweisen und eine führende Rolle in der Welt einzunehmen.
Wir stehen an einem Wendepunkt. Wenn wir jetzt die richtigen Entscheidungen treffen, können wir eine Zukunft schaffen, in der Europa wieder Vorreiter ist. Die Stärke und das Potenzial sind da – es liegt an uns, sie zu entfesseln.
Paul Rascheja ist Gründer und Mitinhaber der Berliner Firma Die guten Hacker, die er vor einigen Jahren ins Leben rief. Als Quereinsteiger fand er seinen Weg in die IT-Sicherheit. Mit über 20 Jahren Erfahrung als IT-Sicherheitsexperte und Berater versteht er als passionierter Hacker die Denkweise von Angreifern wie kaum ein anderer. Sein tiefes technisches Know-how in IT-Sicherheit und Webentwicklung macht ihn zu einem unverzichtbaren Partner für Unternehmen und Organisationen im deutschsprachigen Raum.