Steuerbarkeit statt Abhängigkeit Verteidigungsfähigkeit beginnt im Code

Ein Gastbeitrag von Boris Hecker 5 min Lesedauer

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Resilienz und Abschreckung basieren nicht nur auf Stückzahlen, sondern auf der Kontrolle über Daten, Software, Netzwerke und Plattformen – digitale Souveränität ist entscheidend.

In einer softwaregetriebenen Verteidigungslandschaft ist die vollständige Kontrolle über die eigene IT-Architektur, Datenflüsse und Identitäten entscheidend.(Bild:  Gemini / Vogel IT-Medien GmbH / KI-generiert)
In einer softwaregetriebenen Verteidigungslandschaft ist die vollständige Kontrolle über die eigene IT-Architektur, Datenflüsse und Identitäten entscheidend.
(Bild: Gemini / Vogel IT-Medien GmbH / KI-generiert)

Die Verteidigungsfähigkeit Europas hängt längst nicht mehr nur von militärischer Ausrüstung ab, sondern auch von Software, Datenverarbeitung und sicheren digitalen Architekturen. Das betrifft Militär, Behörden, kritische Infrastrukturen und den Bevölkerungsschutz gleicher­ma­ßen. Belastbare IT-Sicherheitsarchitekturen ermöglichen Lagebilder, sichern Informations­aus­tausch, interoperable Steuerung und effektive Cyberabwehr. Verteidigungsfähigkeit ist somit eine Frage von Cyberresilienz, Plattformkontrolle und digitaler Souveränität.

Sicherheit entsteht in der Architektur

In sicherheitskritischen Umgebungen reicht es längst nicht mehr aus, einzelne Systeme gut abzusichern. Die eigentliche Herausforderung liegt in ihrem Zusammenspiel verschiedener Komponenten. Sensorik, Kommunikationssysteme, Führungsunterstützung, Logistik­platt­for­men, Identitätsdienste, Cloud-Ressourcen und klassische On-Premises-Infrastrukturen müs­sen miteinander interagieren, ohne dass daraus neue Schwachstellen entstehen.

Der Fokus verschiebt sich von der Absicherung einzelner Komponenten hin zur Sicherheit der Gesamtarchitektur. Entscheidend ist, ob Identitäten zuverlässig verwaltet werden, Zugriffe kon­trollierbar bleiben, Datenflüsse nachvollziehbar sind und sich Abhängigkeiten technisch wie organisatorisch beherrschen lassen.

Warum moderne Verteidigung softwaregetrieben wird

Der Begriff „softwaregetrieben” beschreibt mehr als nur den Einsatz digitaler Technologien. Vielmehr ist ein struktureller Wandel gemeint: Fähigkeiten entstehen zunehmend durch Soft­ware, Integrationslogik und Datenverarbeitung. Physische Plattformen bleiben dabei unverzichtbar. Ihre Wirksamkeit hängt jedoch immer stärker davon ab, wie gut sie in sichere digitale Umgebungen eingebunden sind. Zugleich zeigt sich ein Spannungsfeld zwischen Innovationsgeschwindigkeit und Sicherheit.

Wie uns die Entwicklungen in den aktuellen Krisenregionen zeigen, kann durch eine Be­schleu­ni­gung der Innovation auch ein gewisses Maß an Sicherheit erreicht werden. Wenn Tech­no­lo­gien schneller entwickelt und eingesetzt werden, als ein Gegner sich darauf einstellen kann, entsteht ein operativer Vorteil, ohne dass massive Sicherheitsstandards erforderlich sind. Das Prinzip „Testlabor Battlefield“ ist jedoch nur begrenzt skalierbar und geht mit hohen Risiken einher. Diese lassen sich durch eine strukturierte Vorbereitung vermeiden. Das zeigt sich in mehreren Entwicklungen:

  • Datenfusion und Lagebildkonsolidierung: Informationen aus unterschiedlichen Quellen müssen schnell korreliert, priorisiert und sicher bereitgestellt werden. Dies erfordert softwaregestützte Analyseebenen.
  • Mehr Endpunkte und Dienste vergrößern die Angriffsfläche: Die steigende Zahl von End­punkten, Diensten und Kommunikationsbeziehungen vergrößert die Angriffsfläche. Klas­si­sche Perimeter-Sicherheit ist bei der Zusammenarbeit über diverse Netze und Zonen hinweg nicht mehr ausreichend.
  • Systeme müssen schneller aktualisiert und angepasst werden: Systeme müssen schneller auf neue Bedrohungen, regulatorische Vorgaben und operative Anforderungen reagieren können.

Verteidigungsfähigkeit entsteht daher zunehmend aus der Fähigkeit, digitale Komponenten sicher zu orchestrieren, Änderungen kontrolliert auszurollen und Sicherheitsmechanismen durchgängig umzusetzen.

Sicherheit durch steuerbare Architektur

Aus Sicherheitsperspektive ist Software-Defined-Defense besonders wichtig, da Sicherheits­maß­nah­men softwarebasiert konsistenter durchgesetzt werden können. Dadurch werden feinere Segmentierung, zentralere Richtlinienverwaltung, gezieltere Überwachung und nach­vollziehbare Dokumentation möglich. Sicherheitsfunktionen werden so tiefer in die Architektur integriert, statt nachträglich aufgesetzt.

Das schafft die Voraussetzung, Sicherheitsanforderungen dynamischer umzusetzen. Das ist besonders in sicherheitskritischen Kontexten vorteilhaft, in denen sich Anforderungen schnel­ler ändern, als Hardware erneuert werden kann. Software-Defined-Defense ersetzt keine phy­sischen Systeme, sondern bettet sie sicher in eine steuerbare digitale Struktur ein. Diese Steu­er­barkeit wird zum Sicherheitsfaktor.

Zero Trust wird zur architektonischen Grundvoraussetzung

Mit der Vernetzung steigt zugleich die Angriffsfläche. Sicherheitskritische Architekturen müssen heute davon ausgehen, dass Vertrauen nicht pauschal vergeben werden kann.

Das bedeutet konkret: Jede Identität, jedes Gerät, jede Anwendung und jede Kommunikation muss überprüfbar sein. Zugriffe erfolgen kontextbezogen und minimal privilegiert. Seg­men­tier­ung, kontinuierliche Authentifizierung und transparente Protokollierung sind Basis­kom­po­nen­ten.

Zero Trust ist ein dauerhaftes Sicherheitsmodell, das Architektur, Betrieb und Governance verändert. Es ist essenziell, wo fortlaufend Sicherheitsfähigkeit nachgewiesen werden muss (Defence, Public Sector, KRITIS).

Identitäten, Schlüssel und Datenpfade werden zur kritischen Infrastruktur

Bei softwaredefinierten Systemen werden kritische Sicherheitsebenen (Identitätsdienste, Schlüsselmanagement, Zertifikate, Orchestrierung, APIs) in den Kern verlagert. Ein Kon­troll­ver­lust in diesem Bereich beeinträchtigt den Gesamtbetrieb stärker als der Ausfall einzelner End­systeme.

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Moderne Sicherheitsarchitekturen müssen daher den Schutzbedarf konsequent von innen heraus definieren, entlang von Vertrauenskernen und Datenpfaden. Essenzielle Konzepte für Krisenresilienz in hybriden Umgebungen sind IAM, PAM, Schlüsselhoheit, sichere Software-Lieferketten, Härtung administrativer Ebenen und Revisionsfähigkeit.

Digitale Abhängigkeiten werden zum Sicherheitsrisiko

Die zunehmende Softwareorientierung, insbesondere in Verteidigung und Behörden, führt zu kritischen Abhängigkeiten von externen Plattformen und Technologien. Oftmals bleiben si­cher­heitskritische Steuerungsmechanismen außerhalb der eigenen Kontrolle. Wer die Schlüs­sel­ver­waltung, die Identitätslogik oder die Update-Prozesse nicht souverän steuert, schafft durch mangelnde Transparenz oder begrenzte Eingriffsmöglichkeiten Sicherheitsrisiken. Sou­ve­rä­ni­tät bedeutet auch, über die entsprechenden Fachkräfte zu verfügen, die Optionen schaffen und Technologien verstehen, anwenden, verbessern und abschirmen können. Auch in Zeiten von KI ist das Wissen der Menschen in Deutschland und Europa der entscheidende Faktor für Sou­ve­rä­ni­tät.

Digitale Souveränität ist daher ein Sicherheitsarchitekturprinzip. Dieses Prinzip fordert, dass sicherheitskritische Steuerungsfunktionen kontrollierbar, auditierbar und notfalls unabhängig betreibbar bleiben und nicht der eigenen Handlungsfähigkeit entzogen werden.

KI kann Sicherheitsprozesse stärken – wenn klare Leitplanken gelten

Der zunehmende Einsatz von KI in softwaregestützten Sicherheitsumgebungen bietet Vorteile wie Mustererkennung und Anomaliedetektion. In sicherheitskritischen Kontexten sind jedoch strenge Anforderungen essentiell: Modelle müssen nachvollziehbar sein, Datenflüsse müssen kontrolliert werden können, Ergebnisse müssen überprüfbar sein und Missbrauchsszenarien müssen berücksichtigt werden.

KI darf keine Blackbox sein, da Transparenz und Vertrauenswürdigkeit von zentraler Bedeutung sind. Entscheidend ist, unter welchen Sicherheits-, Governance- und Compliance-Bedingungen der KI-Einsatz vertretbar ist. In sensitiven Umgebungen ist dabei verlässliche Assistenz wich­ti­ger als unkontrollierte Autonomie.

Resiliente Plattformen brauchen Interoperabilität ohne Kontrollverlust

In kritischen, historisch gewachsenen Umgebungen wie KRITIS, dem öffentlichen Sektor und dem Verteidigungssektor ist Interoperabilität ohne Kontrollverlust über Sicherheit, Identitäten und Daten entscheidend für Resilienz. Dies kann durch Sicherheitszonen, einheitliche Policy-Modelle, saubere Integration und kontinuierliches Monitoring erreicht werden. Resiliente Plattformen entstehen durch kontrollierte, transparente und sichere Integration bestehender Systeme.

Europas zukünftige Verteidigungsfähigkeit hängt entscheidend von der digitalen Ebene ab, da moderne Verteidigung softwaregetrieben ist und sichere Cloud-Umgebungen und Daten­ver­ar­bei­tung zur Grundlage sicherheitskritischer Handlungsfähigkeit werden. Die Fähigkeit, digitale Infrastrukturen auch unter Druck sicher, kontrolliert und resilient zu betreiben, wird zum stra­tegischen Sicherheitsfaktor.

Über den Autor: Boris Hecker ist Geschäftsführer von Atos Deutschland und verantwortet zugleich das Wachstum in Deutschland, Österreich und Osteuropa.

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