Eine 300-Dollar-Drohne umgeht Zäune und Kameras Kritische Infrastruktur braucht Schutz vor Drohnenangriffen

Ein Gastbeitrag von Oleksii Lysenko 8 min Lesedauer

Strom, Wasser, Kommunikation und Verkehr halten moderne Gesellschaften am Laufen, aber ihr Schutz wurde nie für Angriffe aus der Luft konzipiert. EU-Kommission und NATO reagieren bereits mit eigenen Aktionsplänen, Deutschland fordert jetzt mit dem KRITIS-Dachgesetz und NIS2 erstmals auch physische Resilienz gegen hybride Bedrohungen.

Klassische Schutzkonzepte sichern eine horizontale Welt, während Drohnen den Luftraum als neuen, vertikalen Angriffsvektor nutzen. Die Betreiber kritischer Infrastruktur müssen auf diese Bedrohung jetzt reagieren.(Bild:  Gemini / KI-generiert)
Klassische Schutzkonzepte sichern eine horizontale Welt, während Drohnen den Luftraum als neuen, vertikalen Angriffsvektor nutzen. Die Betreiber kritischer Infrastruktur müssen auf diese Bedrohung jetzt reagieren.
(Bild: Gemini / KI-generiert)

Ein Fluggerät für wenige Hundert Euro genügt heute, um Zäune, Zugangskontrollen und Kameras mühelos zu umgehen. Was in Europa noch als abstraktes Risiko diskutiert wird, ist andernorts längst Alltag. Energieversorgung, Wasserwerke, Kommunikationsnetze sowie Logistik- und Verkehrsinfrastruktur tragen moderne Gesellschaften. Die Bedingungen, unter denen dieser Betrieb bislang gesichert wurde, verschieben sich derzeit grundlegend.

Transparenzhinweis

Der Autor dieses Beitrags, Oleksii Lysenko, ist CEO der Sheriff Security GmbH. Die zitierten Fachleute Yevhen Shevchenko und Dmytro Riabyi gehören derselben Unternehmensgruppe (SHERIFF-Holding) an. Die wiedergegebenen Einschätzungen stammen damit von Personen mit eigenem unternehmerischen Bezug zum Thema und sind als fachliche Standpunkte aus der Praxis zu verstehen, nicht als unabhängige Bewertung.

Lange galten Drohnen vor allem als Werkzeug für Fotografie, Vermessung und Industrie. Diese Wahrnehmung greift inzwischen zu kurz. Unbemannte Luftfahrzeuge sind zu einem ernst zu nehmenden Faktor in der Sicherheitslage kritischer Infrastruktur geworden: günstiger, leistungsfähiger und breiter verfügbar als je zuvor. Mit ihrer Verfügbarkeit sinkt zugleich die Hürde für ihren missbräuchlichen Einsatz.

Europäische Behörden registrieren seit Jahren eine steigende Zahl drohnenbezogener Sicherheitsvorfälle an Flughäfen, Energieanlagen und Logistikzentren, an Einrichtungen also, deren Ausfall unmittelbar auf Wirtschaft und Gesellschaft durchschlägt.

Die Politik hat reagiert. Anfang 2026 stellte die Europäische Kommission einen Aktionsplan zur Drohnen- und Counter-Drohnen-Sicherheit vor, der bestehende EU-Förderinstrumente bündelt und unter anderem eine Counter-Drohnen-Initiative zum Schutz kritischer Infrastruktur und der EU-Außengrenzen vorsieht.

Auch die NATO reagierte: Nach einer beispiellosen Serie von Luftraumverletzungen durch Drohnen über mehreren Bündnisstaaten startete sie im September 2025 die Operation „Eastern Sentry“ zur verstärkten Überwachung der Ostflanke und ordnet drohnenbezogene Vorfälle ausdrücklich im Kontext hybrider Bedrohungen und des Schutzes kritischer Infrastruktur ein.

Warum klassische Sicherheitskonzepte an Grenzen stoßen

Das eigentliche Problem ist struktureller Natur. Die meisten etablierten Si­cher­heits­maß­nah­men wurden für Bedrohungen am Boden entwickelt. Zugangskontrolle, Perimeterschutz, Videoüberwachung und Wachdienste bleiben unverzichtbar, doch sie sichern eine horizontale Welt gegen einen Angriff, der vertikal erfolgt.

Drohnen brauchen keine Zufahrt, keinen Zugangspunkt, keinen Durchbruch. Sie nutzen den Luftraum als zusätzlichen Angriffsvektor und umgehen damit nahezu die gesamte klassische Schutzarchitektur. Besonders exponiert sind jene Einrichtungen, deren Ausfall die größten Folgen hätte: Energieversorger, Wasserwerke, Rechenzentren, Logistikdrehscheiben und Kommunikationsnetze.

Hinzu kommt die Mehrdeutigkeit der Bedrohung. Moderne Drohnensysteme dienen längst nicht nur der Beobachtung. Sie können aufklären, Betriebsabläufe stören oder Teil eines komplexeren Angriffs sein. Die Grenzen zwischen physischer Bedrohung, Informations­ge­win­nung und hybrider Operation verschwimmen und genau das macht die Einordnung im Ernstfall so schwierig.

Erfahrungen aus der Ukraine

Kein Land hat in den vergangenen Jahren mehr praktische Erfahrung mit luftgestützten Bedrohungen gesammelt als die Ukraine. Angriffe auf Energieversorgung, Kom­mu­ni­ka­ti­ons­netze und Versorgungseinrichtungen haben dort Anforderungen geschaffen, mit denen sich der übrige Kontinent erst zu beschäftigen beginnt.

Das Ausmaß lässt sich beziffern. Nach Angaben der Weltbank summieren sich die direkten Kriegsschäden inzwischen auf mehr als 195 Milliarden US-Dollar; der Energiesektor zählt dabei – neben Wohnraum und Verkehr – zu den am stärksten betroffenen Bereichen. Hinter diesen Zahlen steht ein erzwungener Lernprozess: Betreiber, Sicherheitsverantwortliche und staatliche Stellen mussten in kürzester Zeit Routinen für einen Bedrohungstyp entwickeln, für den es keine Vorlage gab.

Die wichtigste Erkenntnis betrifft dabei weniger die Detektion als die Reaktion. Entscheidend ist die Fähigkeit, ein Risiko früh zu bewerten, unter Zeitdruck zu entscheiden und kritische Dienste auch unter außergewöhnlichen Bedingungen aufrechtzuerhalten.

Wie konkret diese Erfahrung ist, beschreibt ein Kampfdrohnenoperator mit dem Decknamen „Kruk“, der die Bedrohung von beiden Seiten kennt, aus dem Einsatz und aus der Abwehr:

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„Aus der Sicht von jemandem, der sowohl Drohnen im Kampfeinsatz gesteuert hat als auch heute auf der Seite der Abwehr tätig ist, sage ich es einfach: Eine Drohne sucht immer nach einer Schwachstelle im System. Und diese Schwachstelle befindet sich fast nie dort, wo die teuerste Ausrüstung steht.

Eine FPV-Drohne kostet 300–500 Dollar. Sie fliegt tief und schnell, und herkömmliche Radar­systeme erkennen sie aufgrund ihrer geringen Größe und des Geländes oft überhaupt nicht. Wir haben gelernt, sie mit Akustik und SDR-Funkdetektion zu erkennen, gerade weil wir verstanden haben: Der Gegner passt sich schneller an, als die Firmware aktualisiert wird. Deshalb ist Technologie ohne eine ständige Anpassung der Taktik eine tote Investition. Europäische Infrastrukturbetreiber müssen verstehen: Die Bedrohung entwickelt sich weiter, und ihre Schutzsysteme müssen sich gemeinsam mit ihr weiterentwickeln.“

Zu den zitierten Fachleuten

Die im Beitrag zitierten Einschätzungen stammen von Fachleuten mit unmittelbarer operativer Erfahrung im Schutz kritischer Infrastruktur.

Yevhen Shevchenko: CEO des Geschäftsbereichs physischer Schutz, humanitäre Minen­räu­mung und luftgestützter Objektschutz der SHERIFF-Holding. Initiator des Projekts „Security Dome“ zum Schutz kritischer Infrastruktur. Beauftragtes Unternehmen im Rahmen des staatlichen Pilotprojekts zur privaten Luftverteidigung (Beschluss Nr. 1506 des Ministerkabinetts der Ukraine).

Dmytro Riabyi: Stellvertretender Direktor für operative Tätigkeiten bei SHERIFF. Verantwortlich für die operative Integration von Detektionssystemen, elektronischer Kampfführung (EKF) und kinetischen Abfangsystemen an Objekten kritischer Infrastruktur. Beteiligt am Aufbau der ersten zivil-militärischen Luftabwehrgruppen im Rahmen des Pilotprojekts Nr. 1506.

Da reale Militärexperten nicht namentlich genannt werden dürfen, werden im Folgenden Decknamen verwendet.

Deckname „Kruk“: Stabssergeant und Kampfdrohnenoperator. Umfangreiche Erfahrung im Einsatz von UAV-Systemen unter Gefechtsbedingungen. Spezialist für FPV-Taktiken und Aufklärungsdrohnen, derzeit im Rahmen von SHERIFF in Systeme zur Detektion und Abwehr von Luftbedrohungen eingebunden.

Deckname „Tornado“: Pionier- und Kampfmittelexperte, spezialisiert auf die technische Wartung von Luftverteidigungssystemen zum Schutz kritischer Infrastruktur. Umfangreiche Erfahrung im Umgang mit explosiven Kampfmitteln sowie in der technischen Absicherung geschützter Perimeter. Derzeit verantwortlich für die Einsatzbereitschaft kinetischer Abfangsysteme und der Sensorinfrastruktur von Luftverteidigungssystemen an geschützten Objekten.

Resilienz wird zur strategischen Aufgabe

Für Betreiber kritischer Infrastruktur verschiebt sich damit der Maßstab. Es geht nicht mehr allein darum, einzelne Anlagen zu schützen, sondern darum, die Kontinuität kritischer Dienstleistungen zu sichern, auch dann, wenn einzelne Schutzmaßnahmen versagen.

Resilienz in diesem Sinne ist mehr als Technik. Sie verbindet technische Schutzsysteme mit organisatorischen Abläufen, Krisenkommunikation und klaren Entscheidungsstrukturen. Gerade bei Luftbedrohungen zeigt sich, dass sich Sicherheit nicht mehr in Silos denken lässt: Cybersecurity, physischer Schutz, operative Prozesse und Luftraumüberwachung greifen ineinander.

Yevhen Shevchenko, der bei der SHERIFF-Holding den Geschäftsbereich physischer Schutz, humanitäre Minenräumung und luftgestützten Objektschutz verantwortet, formuliert die zentrale Lehre nüchtern:

„Technologien sind eine notwendige, aber keine ausreichende Voraussetzung. Diese Lektion haben wir teuer bezahlt. Als in den Jahren 2022–2023 an Objekten kritischer Infrastruktur in der Ukraine die ersten Drohnendetektionssysteme eingeführt wurden, stellte sich heraus, dass das schwächste Glied weder der Sensor noch das elektronische Abwehrsystem war, sondern der Mensch da­zwi­schen. Ein Operator, der nicht weiß, was er um drei Uhr morgens mit einem Alarmsignal anfangen soll. Ein Sicherheitsdienst, der über kein Protokoll für die Zusammenarbeit mit den zuständigen militärischen Stellen verfügt. Das Management eines Objekts, das die Bedrohung aus der Luft nicht in den Business-Continuity-Plan aufgenommen hat.

Der Schutz von Infrastruktur ist ein System der Entscheidungsfindung unter Druck und unter Bedingungen der Ungewissheit. Die Technologie liefert Daten. Aber die Entscheidung, abzufangen, zu stören, zu evakuieren oder den Betrieb fortzusetzen, trifft ein Mensch gemäß einer festgelegten Vorgehensweise. Wenn es keine Vorgehensweise gibt, wird das beste Radar der Welt zu einem teuren Alarmindikator ohne jegliche Wirkung. Genau deshalb bauen wir bei Sheriff kein „Luftverteidigungssystem“, sondern einen „Security Dome“, in dem die Technologie einer von vier Bausteinen ist und kein Selbstzweck.

Für Europa bedeutet dies: Man sollte nicht mit einer Ausschreibung für Ausrüstung beginnen, sondern mit einem Risikoaudit und der Entwicklung einer Reaktionsmethodik. Die Ausrüstung ist der nächste Schritt – vielleicht nicht einmal der zweite.“

Der deutsche Rahmen: KRITIS-Dachgesetz und NIS2

Für deutsche Betreiber ist der aktuelle Regulierungsrahmen der naheliegendste Anknüpfungs­punkt. Mit dem NIS2-Umsetzungsgesetz, das seit Dezember 2025 in Kraft ist, weitet der Gesetzgeber die Pflichten zur Cybersicherheit erheblich aus, von rund 4.500 auf etwa 30.000 Einrichtungen. Parallel dazu hat der Bundestag Ende Januar 2026 das KRITIS-Dachgesetz beschlossen, mit dem Deutschland die europäische CER-Richtlinie umsetzt. Es verpflichtet Betreiber kritischer Anlagen erstmals bundeseinheitlich zu physischer Resilienz: zu Risikoanalysen, Resilienzmaßnahmen, einem Meldewesen für Vorfälle sowie einer Registrierung beim Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (BBK), die spätestens drei Monate nach ihrer Einstufung als kritische Anlage erfolgen muss.

Entscheidend ist die Logik beider Gesetze: Das KRITIS-Dachgesetz folgt einem All-Gefahren-Ansatz, der ausdrücklich auch hybride Bedrohungen und Sabotage erfasst. Genau hier ordnet sich die Drohnenfrage ein. Wer Risikoanalysen und Business-Continuity-Pläne ohnehin erstellen muss, kann die Bedrohung aus der Luft nicht länger als Sonderfall behandeln, sondern muss sie als einen Bedrohungsvektor unter mehreren in die bestehende Resilienzplanung integrieren – Cyber- und physische Sicherheit zusammengedacht.

Die entscheidende Frage ist deshalb nicht, ob sich die Bedrohungslage verändert hat – das ist unstrittig. Die entscheidende Frage ist, wie schnell Sicherheitsstrategien nachziehen.

Europa steht damit am Anfang eines Weges, den andere Regionen bereits unter Druck gehen mussten. Die ukrainische Erfahrung legt nahe, dass die frühzeitige Anpassung von Sicherheits- und Resilienzstrategien keine Frage einzelner Anlagen ist, sondern eine Investition in die langfristige Stabilität kritischer Dienstleistungen.

Über den Autor: Oleksii Lysenko ist CEO der Sheriff Security GmbH, die zur SHERIFF-Holding gehört. Er begleitet Betreiber kritischer Infrastruktur bei der Entwicklung ganzheitlicher Sicherheits- und Resilienzstrategien, mit besonderem Fokus auf der Übertragung operativer Erfahrungen aus der Ukraine auf europäische Anforderungen in Cybersecurity, physischem Schutz und dem Schutz kritischer Infrastruktur.­

Wir ebnen den Weg für Partnerschaften mit der Industrie

Ein Wegweiser für den Einstieg in die europäische Verteidigungsindustrie

European Defence Supply

Angesichts steigender Verteidigungshaushalte und der Ausweitung von EU-Programmen leisten zivile Technologie­anbieter einen entscheidenden Beitrag zur strategischen Autonomie Europas. Die Konferenz dient als neutrale Plattform für den Dialog zwischen Technologieanbietern, System­in­te­gra­to­ren und Entscheidungsträgern, die die nächste Generation europäischer Verteidigungsfähigkeiten gestalten, und zielt darauf ab, Brücken zwischen der zivilen Industrie und der Verteidigungsbeschaffung zu schlagen und praktische Einblicke zu vermitteln.

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