Wissen und punktuelle Sicherheitsschulungen reichen nicht Viel Awareness, aber wenig Security

Ein Gastbeitrag von Tizian Kohler 5 min Lesedauer

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Das Konzept Security Awareness ist in vielen mittelständischen Un­ter­neh­men angekommen. Zumindest auf dem Papier. Tools werden eingeführt, E-Learnings angeboten, einzelne Kampagnen umgesetzt. Doch in der Praxis zeigt sich ein anderes Bild: Viel Aktivität, aber wenig nachhaltige Wirkung.

Mitarbeiter sind die stärkste Firewall. Was also hält Unternehmen davon ab, diese Sicherheit auszubauen?(Bild:  Adlon)
Mitarbeiter sind die stärkste Firewall. Was also hält Unternehmen davon ab, diese Sicherheit auszubauen?
(Bild: Adlon)

In der IT-Sicherheit allgemein, aber auch beim Thema Sicherheitsschulungen lautet ein häufiger Trugschluss: Tool angeschafft, Thema erledigt. In der Realität fehlt oft die operative Einbettung. Denn wer steuert die Maßnahmen? Wer überprüft deren Wirkung? Und wer entwickelt das Programm kontinuierlich weiter? Dabei bleibt oft unklar, ob Maßnahmen tatsächlich greifen.

Es wird informiert, aber selten geübt. Mitarbeitende werden selten so auf Fehler hingewiesen, dass eine Verhaltensänderungen trainiert wird. Das führt zu einem paradoxen Effekt: Unternehmen investieren in Wissen, aber nicht in Handlungssicherheit. Genau diese ist jedoch im Ernstfall entscheidend.

Hinzu kommt: Awareness wird häufig als reines IT-Thema verstanden. Führungskräfte bleiben außen vor – aus Rücksicht oder schlicht, weil man sich nicht traut, sie systematisch einzubinden. Dabei entsteht eine gefährliche Lücke. Denn wenn Führungskräfte nicht Teil der Maßnahmen sind, fehlt nicht nur ihre Vorbildfunktion, sondern auch die notwendige Verankerung in der Organisation. Und hier liegt noch ein weiteres Risiko. Regulatorische Anforderungen wie NIS2 oder BSI machen deutlich, dass Security Awareness eine Aufgabe der gesamten Organisation ist und verlangen Nachweise, dass das Management geschult ist.

Warum klassische Awareness-Ansätze an Grenzen stoßen

Viele Unternehmen setzen auf punktuelle Maßnahmen: eine Schulung pro Jahr, gelegentliche Phishing-Simulationen oder isolierte Kampagnen. Diese Ansätze sind gut gemeint, aber selten ausreichend.

Die Probleme:

  • fehlende Kontinuität
  • keine klare Erfolgsmessung
  • keine strategische Verankerung
  • geringe Übertragbarkeit in den Arbeitsalltag

Hinzu kommt ein weiterer struktureller Fehler: Maßnahmen werden häufig reaktiv ausgewählt – etwa nach einem Vorfall oder einer Prüfung – statt entlang eines klaren Zielbilds priorisiert.

Das Ergebnis: Awareness bleibt ein Projekt, kein Prozess. Und Projekte haben ein Ablaufdatum. Sicherheitsverhalten darf jedoch keines haben.

Gleichzeitig steigen die Anforderungen. Sicherheitsvorfälle, regulatorischer Druck und Anforderungen von Versicherern erhöhen den Erwartungsdruck auf Unternehmen. Awareness muss heute nicht nur stattfinden, sondern nachweisbar wirksam sein. Weg von „wir haben etwas gemacht“ hin zu „wir können Wirkung belegen“.

Der moderne Ansatz: Awareness als Baukasten

Ein Ausweg aus diesem Dilemma liegt darin, Awareness nicht als Einzelmaßnahme zu denken, sondern als kombinierbares System, ähnlich einem Baukasten.

Typische Bausteine sind:

  • Awareness-Checks zur Standortbestimmung
  • Phishing-Simulationen zur Verhaltensanalyse
  • E-Learning für Grundlagenwissen
  • zielgerichtete Kampagnen für konkrete Risiken
  • vertiefende Trainings für spezifische Zielgruppen wie dem Management

Der entscheidende Unterschied: Diese Elemente werden nicht isoliert eingesetzt, sondern sinnvoll kombiniert und schrittweise aufgebaut. Dabei entsteht eine „Awareness-Architektur“, in der einzelne Maßnahmen aufeinander aufbauen und sich gegenseitig verstärken.

Die Awareness-Architektur:

  • ist handelbar
  • wächst mit
  • wird messbar
  • integriert sich in bestehende Abläufe

Ein praktischer Vorteil zeigt sich besonders im Alltag: Unternehmen können mit wenigen Bausteinen starten und das Programm bedarfsgerecht erweitern, statt von Anfang an ein komplexes Gesamtkonzept umsetzen zu müssen. Awareness wird damit nicht aufwendiger, sondern strukturierter.

Awareness als Service: Entlastung statt Kontrollverlust

Gerade im Mittelstand ist die Sorge verbreitet, sich durch externe Unterstützung in Abhängigkeit zu begeben. In der Praxis zeigt sich jedoch ein anderes Bild. Ein servicebasierter Ansatz übernimmt vor allem operative Aufgaben, etwa die Planung und Steuerung von Maßnahmen, die Durchführung von Kampagnen und Simulationen und eine kontinuierliche Auswertung mit Reporting.

Die Verantwortung bleibt im Unternehmen, aber die Umsetzung wird professionalisiert.

Ein wesentlicher Vorteil entsteht durch die Kombination unterschiedlicher Kompetenzen: Technisches Security-Know-how trifft auf Expertise in Kommunikation, Didaktik und Kampagnendesign.

Denn erfolgreiche Awareness ist nicht nur ein IT-Thema, sondern auch eine Frage der Vermittlung. Oder anders gesagt: Gute Security allein reicht nicht, sie muss auch verständlich gemacht werden.

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Vom Bauchgefühl zur Nachweisbarkeit

Mit steigenden Anforderungen verändert sich auch die Erwartung an Transparenz.

Geschäftsführung, Aufsichtsgremien und Versicherer wollen wissen:

  • Wo steht das Unternehmen?
  • Welche Risiken bestehen?
  • Welche Fortschritte werden erzielt?

Ein strukturierter Awareness-Ansatz liefert Antworten:

  • Kennzahlen zu Teilnahme und Verhalten
  • Entwicklungen über Zeit
  • konkrete Risikobewertungen

Besonders relevant ist dabei die Verknüpfung von Trainings- und Verhaltensdaten. Erst, wenn beispielsweise Phishing-Resilienz messbar verbessert wird, entsteht ein echter Nachweis für die Wirksamkeit. Damit wird Awareness erstmals steuerbar. Entscheidungen basieren nicht mehr auf Annahmen, sondern auf belastbaren Daten. Für das Management entsteht dadurch eine neue Qualität von Entscheidungsgrundlagen, die über reine Compliance hinausgeht.

Kosten neu gedacht: Aufwand vs. Wirkung

Die Diskussion rund um Awareness ist oft kostengetrieben. Dabei wird ein entscheidender Faktor übersehen: der interne Aufwand.

Eigene Awareness-Programme bedeuten meist einen hohen Koordinationsaufwand. In der IT und der Kommunikations- sowie Schulungsabteilung werden erhebliche Ressourcen gebunden. Eine fehlende Skalierung und eine inkonsistente Durchführung der Maßnahmen verringern die Erfolgsaussichten zusätzlich.

Hinzu kommt ein häufig unterschätzter Faktor: Opportunitätskosten. Zeit, die IT-Teams in Awareness investieren, fehlt an anderer Stelle, etwa bei der Absicherung von Systemen oder der Reaktion auf Vorfälle.

Ein modularer, servicegestützter Ansatz verändert die Perspektive. Er ermöglicht planbare Kosten, stellt eine kontinuierliche Umsetzung sicher und liefert schnellere Ergebnisse. Dabei bleibt der Fokus auf die eigene Wertschöpfung unangetastet.

Die entscheidende Frage lautet daher nicht: Was kostet Awareness?

Sondern: Was kostet fehlende Awareness?

Sei es durch Sicherheitsvorfälle, Reputationsschäden oder steigende Versicherungsprämien.

Praxis: So gelingt der Einstieg

Bei den konkreten ersten Schritten hat sich ein pragmatisches Vorgehen bewährt:

  • 1. Transparenz statt Annahmen: Standort bestimmen mittels Awareness-Check oder erste Analyse
  • 2. Reality Check: Verhalten sichtbar machen über Phishing-Simulationen
  • 3. Einheitliches Mindestniveau etablieren: Grundlagen schaffen mit verpflichtenden Basisschulungen (e-learning)
  • 4. Fokus auf reale Bedrohungen im Unternehmen mit themenspezifischen Kampagnen gezielt sensibilisieren
  • 5. Awareness als dauerhaften Prozess verankern und mit regelmäßigen Simulationen und Reporting kontinuierlich verbessern

Wichtig dabei: Schrittweise vorgehen, nicht alles gleichzeitig umsetzen.

Fazit: Weniger Aktionismus, mehr System

Security Awareness im Mittelstand scheitert selten am Willen. Viel häufiger fehlt es an Struktur, Kontinuität und der richtigen Kombination von Maßnahmen. Ein modularer Ansatz hilft, Komplexität zu reduzieren und gleichzeitig Wirkung zu steigern. Awareness wird damit nicht zur dauerhaften Zusatzbelastung, sondern zu einem integrierten Bestandteil der Sicherheitsstrategie.

Besonders relevant ist dabei ein Perspektivwechsel: Weg von Einzelmaßnahmen hin zu einem steuerbaren Gesamtsystem, das sich an den realen Risiken und Ressourcen eines Unternehmens orientiert.

Und vielleicht ist das die wichtigste Erkenntnis: Man muss nicht alles selbst machen, aber man sollte sicherstellen, dass es systematisch passiert.

Über den Autor: Tizian Kohler ist seit Mai 2025 Head of Security bei ADLON Intelligent Solutions GmbH. Zuvor war er bei der Kriminalpolizei als Referent für Cybercrime und Digitale Spuren tätig. Seine Expertise umfasst Netzwerksicherheit, Cloud-Security, Incident Response und digitale Forensik.

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