Instant Messaging wird zum Einfallstor für Cyberangriffe Sichere Kommunikation wird zur strategischen Pflicht für Autobauer

Ein Gastbeitrag von Miguel Rodríguez 6 min Lesedauer

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Cyberangriffe auf die Automobilindustrie erfolgen zunehmend über Instant Messaging. Der Ferrari-CEO-Deepfake und der JLR-Angriff zeigen: Unsichere Kommunikationskanäle werden zum Einfallstor. Autobauer müssen jetzt auf DSGVO-konforme, verschlüsselte Messaging-Plattformen setzen, um sensible Entwicklungsdaten und Kundendaten zu schützen.

Instant Messaging und Kollaborationstools werden zum Einfallstor für Cyberangriffe auf die Automobilindustrie. Sichere, DSGVO-konforme Kommunikation wird zur strategischen Notwendigkeit.(Bild: ©  sdecoret - stock.adobe.com)
Instant Messaging und Kollaborationstools werden zum Einfallstor für Cyberangriffe auf die Automobilindustrie. Sichere, DSGVO-konforme Kommunikation wird zur strategischen Notwendigkeit.
(Bild: © sdecoret - stock.adobe.com)

Die jüngste Cyberattacke auf Jaguar Land Rover illustriert einmal mehr, dass die Automobilindustrie nach wie vor ein attraktives Ziel für Hacker darstellt. Das Ökosystem für Automobilindustrie und intelligente Mobilität hat 2024 einen starken Anstieg von Cyberbedrohungen erlebt, wobei groß angelegte Ransomware-Angriffe zu beispiellosen Störungen geführt haben.

Da Cyberrisiken schneller wachsen als die durch Vorschriften vorgegebenen Maßnahmen, wird die wachsende Kluft zwischen der Risikolandschaft und der Widerstandsfähigkeit von Unternehmen immer deutlicher. Cyberrisiken bedrohen die operative Stabilität unmittelbar und müssen proaktiv und ganzheitlich angegangen werden. Dabei geht es um den Schutz sämtlicher IT-Systeme und die Sicherheit der internen Kommunikationsplattformen sollte nicht außer Acht gelassen werden. Unabhängig davon, ob vorsätzliches Handeln oder Nachlässigkeit zugrunde liegt, stellen Mitarbeitende eines der wesentlichsten Risiken für die Informationssicherheit in Unternehmen dar. Angesichts der verbreiteten Nutzung von Instant-Messaging im Arbeitsalltag sind Automobilunternehmen gehalten, vertrauliche Daten – einschließlich personenbezogener Informationen und geistigen Eigentums – wirksam vor internen Bedrohungen zu schützen, ohne die Produktivität der Belegschaft maßgeblich zu beeinträchtigen.

Von E-Mail zu Messenger: Die neue Angriffsfläche

Cyberangriffe in der Automobilindustrie beschränken sich nicht mehr nur auf klassische (gefälschte) E-Mails mit schädlichen Links, sondern werden zunehmend raffinierter. Logischerweise suchen Hacker nach Schwachpunkten, um ihre Ziele zu erreichen. Einer der möglichen Einfallspunkte für Cyberangriffe kann die scheinbar harmlose Kommunikation über Instant-Messaging-Dienste oder Kollaborationstools sein. Obwohl diese Kanäle aufgrund ihrer Schnelligkeit und Benutzerfreundlichkeit praktisch sind, sind sie keineswegs risikofrei.

Es sind kaum Fälle von Cyberangriffen bekannt, die über Instant Messaging oder Collaboration-Tools verübt wurden. Viele Unternehmen veröffentlichen aus rechtlichen Gründen, aus Gründen des Ansehens oder aufgrund von Offenlegungsvorschriften keine Details zum genauen Angriffsvektor.

Einer der wenigen bekannten Fälle ist der CEO-Fraud-Angriff auf Ferrari. Im Juli 2024 erhielt ein leitender Angestellter des Luxus-Sportwagenherstellers mehrere Nachrichten, die scheinbar von CEO Benedetto Vigna über WhatsApp gesendet worden waren. Die Nachrichten, die von einer unbekannten Nummer stammten, erwähnten eine bevorstehende bedeutende Akquisition, drängten den leitenden Angestellten, unverzüglich eine Ge­heim­hal­tungs­ver­ein­ba­rungzu unterzeichnen, und behaupteten, dass die italienische Marktaufsichtsbehörde und die italienische Börse bereits über die Transaktion informiert worden seien. Trotz der Überzeugungskraft der Nachrichten, die auch ein Profilbild von Vigna vor dem Ferrari-Logo enthielten, wurde der Manager misstrauisch. Trotz der überzeugenden Deepfake-Stimme mit süditalienischem Akzent bemerkte der Manager Unstimmigkeiten im Tonfall und stellte dem Anrufer eine Frage über ein Buch, das nur Vigna hätte beantworten können. Als der Betrüger die Antwort nicht wusste, beendete er abrupt das Gespräch, wodurch der Manager einen potenziell erheblichen finanziellen und Reputationsschaden für Ferrari verhinderte.

Der bekannte Fall von JLR steht ebenfalls in gewisser Weise mit der Nutzung von Instant Messaging in Verbindung. Der Konzern berichtete, dass die Angreifer im Rahmen der Erpressung Screenshots und Nachrichten auf Telegram veröffentlicht hatten.

Tatsache ist, dass die Automobilindustrie, auch wenn nur wenige Fälle dokumentiert sind, nicht vor den Risiken gefeit ist, denen andere Unternehmen ausgesetzt sind, wobei erschwerend hinzukommt, dass es sich um eine für Hacker sehr attraktive Branche handelt.

Genau wie E-Mails und SMS sind auch Instant Messaging- und Kollaborationstools ein Angriffsvektor für Hacker: Einer der häufigsten Fälle sind Nachrichten mit Links (SPIM), die echt aussehen und auf gefälschte Seiten weiterleiten, um Zugangsdaten zu ergattern, die Identität des CEOs zu stehlen (Ferrari-Fall) oder Malware zu installieren. In Bezug auf Collaboration-Tools warnt selbst Microsoft auf seiner Website vor Sicherheitslücken in Teams. In Deutschland zeigt die Wirtschaftsschutz-2024-Studie vom Bitkom, dass 74 Prozent der deutschen Unternehmen 2024 Opfer von digitaler Spionage geworden sind. 60 Prozent der Unternehmen sagen, dass ihre digitale Kommunikation ausspioniert wurde, zum Beispiel E-Mails, Messenger oder Videoanrufe. Das zeigt, wie wichtig es ist, auch die Kommunikationskanäle wie Instant Messaging zu schützen.

Warum Deutschland besonders im Fokus steht

Mit einem Marktanteil von über 17 Prozent aller PKW-Neuzulassungen gehört das Land – trotz rückläufiger Tendenz – nach wie vor zu den führenden Fahrzeugherstellern weltweit. Die Bruttowertschöpfung der deutschen Automobilindustrie (einschließlich Fahrzeugbau, Komponenten, Zulieferer usw.) beträgt rund 150,6 Milliarden Euro und macht 15 Prozent des verarbeitenden Gewerbes aus Stand 2022. Mit 737’000 Arbeitsplätzen ist der Sektor ein Eckpfeiler der deutschen Industrie, der maßgeblich zur Handelsbilanz beiträgt: Drei Viertel der 4,1 Mio. der in Deutschland hergestellten PKWs gingen 2024 ins Ausland, was rund 15 Prozent aller deutschen Exporte ausmachte.

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Die Automobilindustrie verfügt über hocheffiziente Produktionsstätten und hochqualifizierte Arbeitskräfte. Sie konkurriert in einem sich ständig wandelnden globalen Umfeld und ist immer auf dem neuesten Stand der Technik, auch in der Kommunikation. Die Unternehmen müssen ihre Teams dynamisch und effizient koordinieren und in dieser Hinsicht spielen Messaging-Plattformen eine zunehmend wichtigere Rolle für die interne Kommunikation. Im Zeitalter der Smartphones stellen die Messaging-Apps eine vielseitige und benutzerfreundliche Lösung dar, um Mitarbeiter immer und überall zu erreichen.

DSGVO-konforme Kommunikation: Was Autobauer beachten müssen

Wie bereits erwähnt, zählen Mobiltelefone auch zu den Einfallstoren für Hacker und Smartphones bilden oft das schwächste Glied in der Cyberstrategie eines Unternehmens. Schwachstellen und/oder mangelhafte Sicherheitseinstellungen werden systematisch ausgenutzt, um Zugang auf persönliche und geschäftliche Daten erlangen. Heute sind Messaging-Apps ein integraler Bestandteil der digitalen Front von Unternehmen und somit ist die Sicherheit von Kommunikationskanälen genauso wichtig wie z.B. der Schutz von zentralen IT-Systemen. Was sollten Automobilhersteller beachten, um eine sichere, agile und DSGVO-konforme Kommunikation zu gewährleisten?

Der Alltag in der Automobilindustrie ist geprägt vom ständigen Austausch sensibler Informationen, wie zum Beispiel Kundendaten, Mitarbeiterunterlagen, Konstruktionsplänen, Lieferantenverträgen oder Daten aus dem Finanzbereich. Unternehmen brauchen einen Kommunikationskanal, mit dem alle Beteiligten einfach und schnell erreicht werden können; so z.B. der Außendienst oder Mitarbeiter in Produktionsstätten ohne direkten Zugang zu einem Rechner. Die Lösung muss umfangreiche Informationsverteilung bei Einhaltung höchster Sicherheitsstandards und DSGVO-Konformität ermöglichen. Die üblichen Kollaborationstools (wie z. B. Teams, Slack) sind hier fehl am Platz; die Angriffsoberfläche ist groß und die Sicherheitseinstellungen sind knapp. Im heutigen Bedrohungs-Umfeld eignen sich solche Plattformen also nur bedingt für einen sicheren professionellen Einsatz.

Bei Instant Messaging Plattformen ist zu beachten, dass die meisten ursprünglich für den privaten Gebrauch entwickelt wurden und daher nicht über die erforderlichen Sicherheitseinstellungen zur unternehmerischen Nutzung verfügen. Trotz Ende-zu-Ende-Verschlüsselung, die garantiert, dass nur vorgesehene Empfänger Zugriff auf die verschickten Informationen haben, ist der Datenschutz mit solchen Messaging-Apps nicht gewährleistet, denn man muss davon ausgehen, dass letztere Metadaten von Nutzern sammeln und vermarkten. Metadaten enthalten u.a. Informationen zu Standort, Uhrzeit und Dauer einer Kommunikation, aber auch zu Telefonnummern und IP-Adressen. Mit einer solchen App verstößt das Unternehmen gegen den Rechtsrahmen der EU (DSGVO) und riskiert Sanktionen.

Ein weiterer wichtiger Aspekt ist die Datenhoheit. Im Falle amerikanischer Anbieter ist sie fraglich, selbst wenn versprochen wird, Kundendaten ausschließlich auf europäischen Servern zu speichern: Die amerikanischen Behörden können vom Anbieter jederzeit Zugang zu diesen Daten gemäß dem CLOUD Act oder dem FISA-Gesetz verlangen. Tatsache ist, dass amerikanische Anbieter den Cloud-Computing-Markt in Europa dominieren.

Strategische Widerstandsfähigkeit eines Schlüsselsektors

Die Automobilbranche investiert jährlich beträchtliche Summen in Forschung und Entwicklung für Fahrerassistenzsysteme, Antriebsstränge, Konstruktionsplattformen usw. Das macht sie zu einem sehr attraktiven Ziel für Cyberkriminelle. Angreifer visieren Systeme z.B. für Datendiebstahl, Kundenlisten, Design- und Patentkopien sowie Ransomware-Attacken zur Datensperrung und Lösegelderpressung an.

Unternehmen brauchen eine umfassende Cybersicherheitsstrategie, die keine digitalen Flanken offenlässt. Dabei ist die Kommunikation zwischen verschiedenen Teams oder in Gruppenchats mit externen Mitgliedern von entscheidender Bedeutung; geschlossene Gruppen oder ein System zur Überprüfung der Identität jedes Gesprächspartners trägt dazu bei, dass nur autorisierte Personen Zugang zu den Chats haben.

Im hart umkämpften Umfeld der Automobilbranche liegt der Austausch von sensiblen Informationen an der Tagesordnung. Somit ist der Schutz der internen Kommunikation nicht nur eine vorbeugende Maßnahme, sondern eine strategische Notwendigkeit, um die regulatorischen Standards einzuhalten und die digitale Widerstandsfähigkeit eines Schlüsselsektors der deutschen Industrie zu stärken.

Über den Autor: Miguel Rodríguez ist Chief Revenue Officer und Mitglied des Verwaltungsrats von Threema.

Im Anschluss an den im September 2025 erfolgten Cyberangriff auf Jaguar Land Rover zeigt der Autor, dass die deutsche Automobilbranche ein sehr attraktives Ziel für Datendiebstahl und Ransomware darstellt. Seines Erachtens ist die Verwendung von sicheren und DSGVO-konformen Kommunikations-Tools eine strategische Notwendigkeit für eine Schlüsselindustrie.

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