IT-Grundhygiene als Basis moderner Sicherheit Warum IT-Sicherheit ohne Grundlagen scheitert

Ein Gastbeitrag von Maurice Kemmann 6 min Lesedauer

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Viele Unternehmen investieren in Zero Trust, KI und Automatisierung – und übersehen dabei die Basics. Ohne konsequentes Patch-Management, starke Zugangskontrollen und gelebte Prozesse bleibt jede High-End-Security ein Kartenhaus. Der Beitrag zeigt, warum IT-Grundhygiene die wichtigste Verteidigungslinie ist.

Auch die modernste Sicherheitsarchitektur scheitert ohne solide Grundlage: IT-Grundhygiene mit Patches, Zugangskontrolle und klaren Prozessen ist das Fundament jeder resilienten Security.(Bild: ©  Tobias - stock.adobe.com)
Auch die modernste Sicherheitsarchitektur scheitert ohne solide Grundlage: IT-Grundhygiene mit Patches, Zugangskontrolle und klaren Prozessen ist das Fundament jeder resilienten Security.
(Bild: © Tobias - stock.adobe.com)

Zero Trust, KI, Quantenkryptographie – die Security-Branche liebt Innovationen. Doch viele Unternehmen übersehen dabei die elementarsten Schutzmaßnahmen. Eine konsequent umgesetzte IT-Grundhygiene ist kein Rückschritt, sondern die notwendige Voraussetzung für jedes moderne Sicherheitskonzept. Der Beitrag zeigt, wie man das Fundament richtig legt – und warum es sich lohnt.

Modernste Sicherheitstools und dennoch nicht gegen Angriffe gewappnet

„Wer fliegen lernen will, muss erst stehen und gehen und laufen lernen – man kann das Fliegen nicht erfliegen.“ Dieses Zitat von Friedrich Nietzsche trifft einen wunden Punkt der IT-Sicherheit. Viele Unternehmen investieren in moderne Defense-Strategien, KI-basierte Erkennungssysteme oder Zero-Trust-Architekturen – und glauben, damit den Herausforderungen der Zeit gewachsen zu sein. Doch in der Realität scheitert die Security oft an viel einfacheren Dingen. Schließlich bringt ein mit modernsten Mitteln perfekt abgesichertes Eingangstor auch nur wenig, wenn kein Zaun das Gelände schützt und die Fenster offen stehen.

Diverse Sicherheitsvorfälle der vergangenen Jahre unterstreichen diesen Eindruck: Angriffe gelingen nicht, weil die Angreifenden raffinierter geworden wären – sondern weil grundlegende Vorkehrungen versäumt wurden. So wurden etwa im März 2021 mehrere kritische Schwachstellen in Microsofts Exchange-Servern massenhaft ausgenutzt – obwohl die notwendigen Updates bereits verfügbar waren. Zehntausende Systeme in Deutschland blieben ungepatcht und wurden mit hoher Wahrscheinlichkeit kompromittiert. Eine Lücke, die mit den richtigen Automatismen gar nicht erst entstanden wäre.

Ähnlich alarmierende Einblicke liefert eine aktuelle Erhebung von Cloudflare: Rund 40 Prozent aller erfolgreichen Anmeldeversuche im Internet erfolgen mit kompromittierten Passwörtern. Für Unternehmen bedeutet das ein massives Sicherheitsrisiko – insbesondere, wenn Mitarbeitende dieselben Zugangsdaten für private wie für berufliche Konten verwenden oder keine systematische Passwortüberprüfung etabliert ist. Ohne gezielte Awareness-Maßnahmen und ein stringentes Identitätsmanagement setzen Organisationen nicht nur ihre IT-Sicherheit, sondern auch ihre Compliance-Standards aufs Spiel. In der Konsequenz werden sensible Unternehmensdaten potenziell für Angriffe geöffnet – mit Folgen, die von wirtschaftlichem Schaden bis hin zu Reputationsverlust reichen können.

Dabei sind diese Beispiele keine Ausnahmen, es sind Symptome einer mangelnden Grundlage von IT-Security. Wer Sicherheit ernst meint, muss sie von Grund auf denken. Und das heißt: erstmal stehen lernen.

Standfeste Basis für die IT-Security schaffen

Bevor sich Organisationen mit komplexen Security-Frameworks befassen, müssen sie sich also fragen: Haben wir die Basics im Griff? Wer in der IT-Security „steht“, hat ein tragfähiges Fundament errichtet. Ohne diese Grundlage stürzt das gesamte Sicherheitskonstrukt ein, egal wie viele moderne Tools eingebaut werden. Daher gilt es hier besonders genau hinzuschauen.

Sicherheitsupdates müssen zeitnah eingespielt werden – auf Servern, Clients, Netzwerkkomponenten und Applikationen. Trotzdem zeigt der Alltag, dass genau hier oft nachlässig gehandelt wird. Schon eine ungepatchte Drittanbieterkomponente kann reichen, um ein komplettes System zu kompromittieren. Ein zuverlässiges, aktives Patch-Management ist daher unerlässlich.

Doch auch ein aktuelles Sicherheitssystem bleibt unsicher, wenn die Zugangskontrolle ausbleibt. Standardpasswörter sind und bleiben beliebt und werden sehr oft nicht geändert. Eine Zwei-Faktor-Authentifizierung könnte ein zusätzlicher Sicherheitsmechanismus sein, wenn sie denn eingesetzt werden würde. Zwei einfache Stellschrauben, die den Zugang zum System schützen sollen. Doch wer darauf verzichtet, sorgt am Ende dafür, dass Hacker mit dem Passwort „Admin“ ganze Systeme lahmlegen.

Und der Dreh- und Angelpunkt einer jeden IT-Sicherheit: Reduktion unnötiger Angriffsflächen. Je weniger Einfallstore Angreifer haben, desto leichter ist es, das gesamte System zu schützen. Offene Ports, veraltete Dienste oder überflüssige Admin-Konten sind vermeidbare Risiken, die sich mit wenig Aufwand beheben lassen und die gesamte Infrastruktur nachhaltig schützen.

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Diese Maßnahmen sind nicht glamourös, aber effektiv. Sie bilden das „Stehen“ im übertragenen Sinne: eine stabile Position, von der aus man sich weiterentwickeln kann – ohne bei jedem Windstoß zu kippen.

Die ersten Schritte: Prozesse etablieren

Wer steht, kann beginnen zu gehen. In der IT-Sicherheit bedeutet das: Prozesse aufbauen, Verantwortlichkeiten klären, Kontinuität schaffen. Es geht um Strukturen, die die Sicherheitsgrundlagen in den Alltag integrieren.

Nur weil Zugänge grundlegend geschützt sind, heißt es noch lange nicht, dass alle Mitarbeitenden Zugriff auf alles benötigen. Ein durchdachtes Berechtigungskonzept reduziert Risiken – und schützt gleichzeitig vor versehentlichem Datenabfluss. Die rollenbasierte Zugriffskontrolle (RBAC) schafft zusätzliche Sicherheitslayer.

Doch auch innerhalb dieser Layer kann ein Angriff erfolgreich sein. Ein einmaliger oder unregelmäßiger Sicherheitscheck reicht da nicht aus. Vielmehr braucht es regelmäßige Scans, Bewertungen und konkrete Maßnahmen. Wer ist zuständig? Wie wird priorisiert? Wie schnell erfolgt die Umsetzung? Nur wer ein nachhaltiges Schwachstellenmanagement plant und umsetzt, kann auf zuverlässige Prozesse bauen und so das System sicher halten.

Ein Kernelement ist auch die Protokollierung und das Monitoring der Vorkommnisse in der eigenen Infrastruktur. Wenn Logs nur gespeichert, aber nicht ausgewertet werden, gehen wertvolle Hinweise auf Sicherheitsvorfälle verloren. Die Herausforderung liegt nicht in der Technik, sondern in der Organisation: Wer schaut wann auf welche Daten? Wie werden sie ausgewertet und was folgt daraus? Wer Schwachstellenmanagement und ein lückenloses Monitoring kombiniert, kann im nächsten Schritt gezielt Maßnahmen einleiten.

Erst wenn aus punktuellem Handeln ein kontinuierlicher Sicherheitsprozess entsteht, können sich Unternehmen durchgängig schützen. Auf diese Weise gewinnt die Sicherheitsstruktur an Stabilität, Übersicht und Reaktionsfähigkeit – und kann nun wirklich gehen.

Sicherheit skalieren und ins Laufen bringen

Mit der Sicherheit etablierter Prozesse können Unternehmen Geschwindigkeit in ihrer IT-Security aufnehmen. Automatisierung und der strategische Ausbau der Sicherheitssysteme verbessern den Schutz des Unternehmens konsequent, schaffen ein engmaschiges Netz an Maßnahmen und entlasten bei guter Integration das Expertenteam.

Wer auf automatisiertes Patch- und Asset-Management wie WSUS, Intune oder spezialisierte Patch-Lösungen setzt, kann Updates zuverlässig und zentralisiert ausrollen. Auf diese Weise bleiben Day-One-Lücken nicht länger bestehen, sobald sie mit einem Update behoben wurden.

Moderne Security-Information- und Event-Management-Systeme (SIEM) analysieren darüber hinaus riesige Datenmengen in Echtzeit und erkennen Muster, die auf Angriffe hindeuten. Mit SOAR (Security Orchestration, Automation and Response) können sogar automatisierte Reaktionen auf erkannte Bedrohungen ausgelöst werden. Auf diese Weise werden Angreifer noch schneller erkannt und abgefangen.

Als effektiver Schutz für das gesamte Unternehmen haben sich Netzwerksegmentierung und Mikrosegmentierung ausgezeichnet. Sinnvoll aufgeteilte Netzwerke begrenzen die Bewegungsfreiheit von Angreifern. So kann ein einzelnes kompromittiertes System komplett abgeriegelt werden. Anstatt das gesamte Unternehmen lahmzulegen, kann so eine Attacke lokal begrenzt werden.

Wenn die Grundlagen – das Stehen und Gehen – vorher bereits gelegt sind, sichern diese Maßnahmen das Unternehmen nachhaltig besser ab. Doch ohne die Basis wird das Laufen nur für offene Knie sorgen und Automatisierung wird zum Risiko statt zum Fortschritt.

Jetzt sind Sie bereit zum Fliegen

Noch mehr verhält es sich so mit den Buzzwords und modernen Konzepten der IT-Sicherheit. Wenn die vorigen Schritte gut und zuverlässig aufgesetzt sind, ist die Security im Unternehmen bereit zum Fliegen. Zero Trust, KI-gestützte Angriffserkennung, Threat Intelligence, externe Security Operations Center (SOC) oder Incident Response Automation können jetzt wirklich ihre Wirkung entfalten, anstatt neue Risiken zu schaffen oder über bestehende Lücken hinwegzutäuschen.

Daher ist ein wichtiger Leitsatz: Sicherheit muss aufgebaut werden – Schritt für Schritt. Wer das „Fliegen“ vor dem „Stehen“ versucht, wird zwangsläufig straucheln oder sogar abstürzen. Wer aber bereit ist, die Basics ernst zu nehmen, Prozesse zu etablieren und Sicherheit zu skalieren, hat nicht nur bessere Karten – sondern auch weniger schlaflose Nächte.

Zusammengefasst: Wenn es um IT-Sicherheit geht, schlägt Stabilität Spektakel. Der wahre Fortschritt beginnt nicht mit der neuesten KI-Lösung, sondern mit dem ehrlichen Blick auf das, was (noch) nicht getan wurde. Erst solide stehen, dann strukturiert vorgehen, mit System laufen und dann die Security zum Fliegen bringen. Aber sicher.

Über den Autor: Maurice Kemmann ist Geschäftsführer und Gründer der Cosanta GmbH.

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