Keynote zur ISX IT-Security Conference 2024 Regionalisierung statt Glo­ba­li­sie­rung – Neue IT-Herausforderungen

Ein Gastbeitrag von Prof. Dr. Dennis-Kenji Kipker 5 min Lesedauer

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Wo das letzte Jahrzehnt dasjenige der umfassenden Vernetzung und Digitalisierung gewesen ist, geht es in diesem Jahrzehnt vor allem darum, diese technologischen Errungenschaften in ihrer Funktionsfähigkeit zu erhalten. Genau deshalb sprechen wir auch von einem Zeitalter der IT-Herausforderungen. Und Herausforderungen haben wir in den vergangenen knapp fünf Jahren mehr als genügend erlebt.

Prof. Dr. Dennis-Kenji Kipker ist wissenschaftlicher Direktor des cyberintelligence.institute in Frankfurt a.M. und Gastprofessor an der Riga Graduate School of Law in Lettland. Er ist außerdem Keynotespeaker auf der ISX 2024 und der ISSX 2024.(Bild Prof. Kipker: Urban Zintel Photography)
Prof. Dr. Dennis-Kenji Kipker ist wissenschaftlicher Direktor des cyberintelligence.institute in Frankfurt a.M. und Gastprofessor an der Riga Graduate School of Law in Lettland. Er ist außerdem Keynotespeaker auf der ISX 2024 und der ISSX 2024.
(Bild Prof. Kipker: Urban Zintel Photography)

Viele von uns werden sich sicherlich noch daran erinnern, wo sie waren oder was sie gerade gemacht haben, als sie das erste Mal am 31. Dezember 2019 von der Corona-Pandemie hörten. Seinerzeit berichtete der Spiegel noch über eine „mysteriöse Lungenkrankheit“ in Zentralchina, die Auswirkungen ähnlich wie das SARS-Virus 2003 haben könnte – dass alles anders kommen würde, wusste damals noch niemand.

Doch nicht nur das: Am 24. Februar 2022 fand die völkerrechtswidrige russische Offensive gegen die Ukraine stand – gefolgt von einem Krieg in Europa, der bis zum heutigen Tag andauert. Der palästinensische Angriff auf Israel am 7. Oktober 2023, aber auch die geopolitisch-strategischen Spannungen zwischen der Volksrepublik China und Taiwan in Fernost signalisieren mehr als deutlich: Wir leben nicht mehr in der Welt, in der wir noch im letzten Jahrzehnt gelebt haben. Mehr noch: Wir müssen uns eingestehen, dass bisherige zivilisatorische Errungenschaften nicht unantastbar sind, auch wenn wir für fast eine ganze Generation schon glauben konnten, dass dies der Fall sein würde.

Von chinesischen Hackern über russische Cyberangriffe bis hin zum Superwahljahr

Und natürlich spiegeln sich all diese globalen Konflikte auch im virtuellen Raum in einer Vielzahl von Ereignissen wider: So haben im letzten Jahr chinesische Hacker erfolgreich Cloud Server von Microsoft kompromittiert, die von Mitarbeitern der US-Regierung genutzt wurden und vertrauliche Daten ausgeleitet. Zwar haben die jüngsten Ergebnisse einer durch die US-Regierung eingesetzten Kommission ergeben, dass Microsoft gravierende Sicherheitsmängel vorgeworfen werden können, jedoch zeigt sich insbesondere an diesem Fall das enorme Interesse, dass ausländische Staaten an geheimen Informationen haben.

Eng damit verbunden sind die geheimdienstlichen und militärischen Aktivitäten Russlands im Cyberspace – natürlich, der Krieg in der Ukraine ist vor allem ein mit konventionellen militärischen Mittel ausgeführter Krieg und der gerade in den Anfangstagen viel zitierte „Cyberwar“ ist bislang noch nicht eingetreten. Gleichwohl verzeichnete das BSI für das Jahr 2023 die höchste Bedrohungslage überhaupt, denn zusätzlich zum Kriegsgeschehen werden immer mehr Cyberangriffe auch durch staatliche oder staatlich gelenkte Akteure ausgeführt. So jüngst zum Beispiel, als russische Hacker der Gruppe „Cozy Bear“ versuchten, sich als Organisatoren einer CDU-Veranstaltung auszugeben, um fremde IT-Systeme mit Schadsoftware zu infiltrieren. Doch wenn wir über die Gefahren im Cyberraum sprechen, machen diese nicht bei den Cyberangriffen halt, sondern reichen mit den Mitteln von digitaler Propaganda, Desinformation, Dark Social und Fake News noch viel weiter – nicht umsonst steht die chinesische Social Media-Plattform TikTok wegen unzureichender Content Moderation im Fokus von Politik und Behörden. Das alles sind nur weitere Vorzeichen dieser neuen Bedrohungslage, die sich in diesem Superwahljahr 2024 zusehends verdichten.

Ja, wir sind eine vulnerable Gesellschaft

Damit stellt sich die zentrale Frage: Was können Politik und Behörden einerseits, aber andererseits auch wir selbst und die Wirtschaft tun, um sich gegen diese multipolare digitale Bedrohungslage zur Wehr zu setzen? Bereits unter dem Eindruck der Corona-Pandemie veröffentlichte die EU-Kommission im Dezember des Jahres 2020 ihre aktuelle Cyber-Sicherheitsstrategie – mit einem Schwerpunkt auf der digitalen Resilienz. Es ist nicht nur wahrscheinlich, dass die massiv geänderte Bedrohungslage inmitten der Pandemie diese Strategie erheblich geprägt hat, sondern es ist gar davon auszugehen, dass ohne Corona diese Strategie deutlich anders ausgesehen hätte. Doch die Pandemie hat uns nicht nur die Vulnerabilität unserer eigenen Gesellschaft, sondern auch der lokalen Wirtschaft vor Augen geführt, die mehr denn je von weltweiten Lieferketten abhängig ist. Wo aufgrund von Quarantäne­bestimmungen chinesische Seehäfen geschlossen werden mussten, konnten in Deutschland die Automobilhersteller ihre Fahrzeuge nicht mehr fertig ausliefern. Neben einer Cyber-Sicherheitsstrategie verfügt die EU seither auch über eine eigene Halbleiterstrategie, um sich bis ins Jahr 2030 in der digitalen Versorgungssicherheit aktiv zu positionieren. Konkretisiert werden die politischen Strategien durch eine Kaskade der Digitalgesetzgebung, wie es sie in der EU all die Jahrzehnte zuvor noch nie zuvor gegeben hat.

Risiko- und Kompromissbereitschaft als zentrale unternehmerische Werte

Doch Politik und Staat allein werden nicht in der Lage sein, unsere Gesellschaft und Wirtschaft nachhaltig resilienter zu machen – jede und jeder Einzelne ist hier gefragt. Das bedeutet zwangsläufig auch, dass bei vielen Unternehmen ein unbedingtes Umdenken in der Sicherheitskultur hin zu mehr digitaler Resilienz stattfinden muss. „Change Management“ ist hier die Losung – ein Begriff, der in der Betriebswirtschaft zwar schon seit Jahrzehnten Verwendung findet, unter den neuen Vorzeichen aber völlig neu ausgelegt werden muss – geht es doch nicht darum, nur einen Weg vom Ausgangszustand zu einem neu definierten Zielzustand hin zu finden, sondern Risikobereitschaft, Innovationsfreude und Kompromissbereitschaft zu zentralen Unternehmenswerten zu erklären. Damit verbunden wird die Resilienz im Allgemeinen und die digitale Resilienz im Speziellen zukünftig zu einem prioritären unternehmerischen Stellenwert heranwachsen müssen.

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Sichere IT ist viel mehr als eine bloße wirtschaftliche Frage

Und eine ganz zentrale Erkenntnis am Schluss: Wo im vergangenen Jahrzehnt die Globalisierung von IT das Schlagwort gewesen ist und ihre Leistungsfähigkeit vor allem an den Kriterien Skalierbarkeit und Wirtschaftlichkeit gemessen wurde, so müssen wir schon jetzt und vor allem künftig die Regionalisierung anstelle der Globalisierung als Chance begreifen, denn Lösungen „made in Europe“ werden zwangsläufig einen höheren monetären Einsatz erfordern – doch die Frage hierzu ist ganz einfach: Wieviel ist uns die Verfügbarkeit unserer IT letztlich wert? Die digitale Resilienz unseres Staates, unserer Gesellschaft und der Wirtschaft sind zentrale europäische Werte, stehen sie doch letztlich für Grund- und Menschenrechte, für die lange gestritten wurde und die deshalb keineswegs selbstverständlich sind und erst recht nicht in diesen Zeiten in Frage gestellt werden dürfen.

Prof. Dr. Dennis-Kenji Kipker ist Keynotespeaker auf der ISX 2024 und der ISSX 2024.(Bild:  Urban Zintel Photography, Berlin)
Prof. Dr. Dennis-Kenji Kipker ist Keynotespeaker auf der ISX 2024 und der ISSX 2024.
(Bild: Urban Zintel Photography, Berlin)

Über den Autor: Prof. Dr. Dennis-Kenji Kipker ist wissenschaftlicher Direktor des cyberintelligence.institute in Frankfurt a.M. sowie Gastprofessor an der privaten, durch die Soros Foundation begründeten Riga Graduate School of Law in Lettland. Hier forscht er zu Themen an der Schnittstelle von Recht und Technik in der Cybersicherheit, Konzernstrategie sowie zu digitaler Resilienz im Kontext globaler Krisen mit einem Forschungsschwerpunkt insbesondere im chinesischen und US-amerikanischen IT-Recht. Auf der ISX 2024 und der ISSX 2024 wird Prof. Kipker die Eröffnungskeynote halten.

ISX IT-Security Conference: Die ISX IT-Security Conference 2024 findet am 5. Juni in Hamburg, am 20. Juni in Frankfurt/Main und am 4. Juli in München (oder Digital) statt. Als ISSX IT-Security Swiss Conference 2024 gibt es in diesem Jahr zusätzlich am 27. Juni auch ein Event in Pfäffikon SZ in der Schweiz.

Als Medienpartner der ISX IT-Security Conference 2024 verfügen wir über ein limitiertes Ticketkontingent. Sie können sich für Ihr kostenfreies VIP-Ticket im Wert von 250 Euro für die Termine in Deutschland und den Termin in der Schweiz bewerben.

► Mehr Infos zur ISX IT-Security Conference

 

 

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