Digitale Amnesie

Machen Handys vergesslich?

| Redakteur: Peter Schmitz

Obwohl Anwender ihr Erinnerungsvermögen zunehmend vom Zugriff auf die digitalisierte Welt abhängig machen, werden die hierfür genutzten Geräte nur unzureichend geschützt.
Obwohl Anwender ihr Erinnerungsvermögen zunehmend vom Zugriff auf die digitalisierte Welt abhängig machen, werden die hierfür genutzten Geräte nur unzureichend geschützt. (Bild: nandyphotos - Fotolia.com)

Eine Studie des Security-Anbieters Kaspersky Labs offenbart, dass immer mehr Menschen wichtige Daten nur noch im Smartphone abspeichern, aber nicht mehr in ihrem Gedächtnis abrufen können. Sind aber fast alle wichtigen Daten nur noch auf dem Handy und anderen vernetzten Geräten vorhanden, sind die Folgen eines Verlusts beträchtlich.

Droht durch die allgegenwärtige Digitalisierung der Gesellschaft eine neue Vergesslichkeit? Dass die permanente Verfügbarkeit des Internets mittels Smartphones und Tablets erheblichen Einfluss auf das Erinnerungsvermögen der Bevölkerung hat, zeigen die Ergebnisse einer europaweiten Studie (pdf), die Kaspersky Lab beim Institut „Opinion Matters“ in Auftrag gegeben hat. Demnach können sich beispielsweise mehr Deutsche an Telefonnummern aus ihrer Kindheit und Jugend erinnern als an die aktuellen Nummern der eigenen Kinder oder des Partners.

Menschen merken sich wohl kaum noch Telefonnummern, die sie ihren digitalen Endgeräten anvertraut haben. Kaspersky Lab bezeichnet die Neigung des Menschen, auf einem digitalen Gerät gespeicherte Informationen zu vergessen als „digitale Amnesie“. Die Folge: eine zunehmende Abhängigkeit von Technologie und Web hinsichtlich dem Erinnerungsvermögen. Es gilt Risiken der neuen Vergesslichkeit zu minimieren sowie internetfähige und gedächtnisunterstützende Geräte adäquat zu schützen.

Die Kaspersky-Studie offenbart, dass 54 Prozent der befragten Eltern in Deutschland die Telefonnummer ihrer Kinder zwar im Smartphone abgespeichert, aber nicht mehr in ihrem Gedächtnis haben. Nur jeder Zehnte kennt die Rufnummer der Schule auswendig. Damit liegen deutsche Eltern etwa im Mittelfeld aller befragten Europäer. Die neue Vergesslichkeit macht aber auch vor den Lebenspartnern nicht halt. Deren Telefonnummern können in Deutschland nur sechs von zehn Befragten (61,1 Prozent) aus dem Gedächtnis abrufen. Noch schlechter schneiden die jeweiligen Arbeitgeber ab. An diese Nummern können sich nur 52,7 Prozent ohne Hilfe erinnern.

Dabei sind die befragten Deutschen durchaus in der Lage, sich Telefonnummern langfristig einzuprägen. So kennen 55,3 Prozent (61,0 Prozent) noch die zumeist im Festnetz befindlichen Anschlüsse, unter denen sie im Alter von 10 Jahren (15 Jahren) erreichbar waren. Offensichtlich besteht also ein Zusammenhang zwischen der Nutzung mobiler Geräte beziehungsweise des Internets sowie der im Gedächtnis abgespeicherten Nummern. Das Phänomen der digitalen Amnesie zieht sich laut Studie durch alle Altersgruppen und kennt keine signifikanten Geschlechterunterschiede.

„So sehr Smartphones und Co. das Leben erleichtern, eine Art digitale Amnesie lässt sich nicht von der Hand weisen, mit möglichen Langzeitfolgen für unser Gedächtnis“, sagt Holger Suhl, General Manager DACH bei Kaspersky Lab. „Offenbar prägen wir uns selbst die Telefonnummern der engsten Angehörigen nicht mehr ein, weil sie mit einem Klick abrufbar sind. Eine überwältigende Mehrheit von 86 Prozent der von uns europaweit befragten Nutzer klagt außerdem über das Ausmaß von Nummern und Adressen in einer zunehmend vernetzten Welt, das die eigene Merkfähigkeit übersteigt. Gingen die digital gespeicherten Daten verloren, hätte das für viele dramatische Folgen.“

„Zu vergessen ist an sich nichts Schlechtes“, ergänzt Dr. Kathryn Mills vom Institute of Cognitive Neuroscience am University College London (UCL). „Der Mensch ist sehr anpassungsfähig und vergisst vieles, was nicht von Bedeutung ist. Problematisch wird es erst dann, wenn wir die vergessenen Fakten tatsächlich benötigen. Wir kümmern uns weniger darum, uns etwas merken zu müssen, weil wir es vernetzten Geräten anvertrauen. Der Internetzugang ist für uns so selbstverständlich geworden wie Strom oder Wasser.“

Geräteverlust: Gravierende Folgen für die Mehrheit

Weil viele Menschen fast alle wichtigen Daten nur noch auf ihrem Smartphone und anderen vernetzten Geräten ablegen, sind die Folgen eines Verlusts beträchtlich. So wären laut der Studie 43,5 Prozent der Befragten in Deutschland in diesem Fall traurig, weil auch viele Bilder oder Videos und damit Erinnerungen unwiederbringlich verloren wären. Jeder Sechste (17,7 Prozent) würde sogar in Panik verfallen, weil er alles verloren hätte.

Obwohl Anwender ihr Erinnerungsvermögen zunehmend vom Zugriff auf die digitalisierte Welt abhängig machen, werden die hierfür genutzten Geräte nur unzureichend geschützt. Laut der Kaspersky-Studie rüsten lediglich 38,9 Prozent der in Deutschland befragten Nutzer ihre Smartphones und 22,3 Prozent ihre Tablets mit einer zusätzlichen Sicherheitslösung aus.

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