Sicherheit neu gedacht Offensive Security stärkt Abwehrstrategien von Unternehmen

Ein Gastbeitrag von Snehal Antani 5 min Lesedauer

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Automatisierte Cyberangriffe setzen klassische Abwehrmaßnahmen unter Druck. Offensive Security prüft Systeme wie ein Angreifer, deckt Schwachstellen auf und liefert Prioritäten für echte Resilienz. Warum kontinuierliche Validierung heute wichtiger ist als blinder Glaube an Sicherheit.

Offensive Security: Realistische Angriffstests machen Schwachstellen sichtbar, bevor es Kriminelle tun.(Bild: ©  Art_spiral - stock.adobe.com)
Offensive Security: Realistische Angriffstests machen Schwachstellen sichtbar, bevor es Kriminelle tun.
(Bild: © Art_spiral - stock.adobe.com)

Die jüngsten Cyberangriffe auf große britische Handelsunternehmen wie Co-op und Marks & Spencer zeigen eindrücklich, wie gravierend die aktuelle Bedrohungslage geworden ist. Es geht längst nicht mehr nur um den Diebstahl sensibler Daten – die Folgen reichen von Millionenverlusten über wochenlange Betriebsunterbrechungen bis hin zu einem massiven Vertrauensverlust bei Kunden und Partnern. Doch die Angriffe auf britische Handelsketten sind kein Einzelfall – sie stehen exemplarisch für eine dynamische Bedrohungslage.

Ein Blick auf die Zahlen zeigt die Dimension: Laut Polizeilicher Kriminalstatistik wurden 2024 in Deutschland 131.391 Cybercrime-Fälle registriert. Der vom Branchenverband Bitkom ermittelte wirtschaftliche Schaden liegt bei 178,6 Milliarden Euro jährlich. Cyberbedrohungen sind heute ein strukturelles Risiko – automatisiert, schwer erkennbar und oft überraschend. Angreifer nutzen Fehlkonfigurationen, schwache Zugangsdaten oder versteckte Vertrauensverhältnisse, um sich lateral durchs Netzwerk zu bewegen. Klassische Schutzmechanismen wie Firewalls oder punktuelle Sicherheitsprüfungen stoßen dabei an ihre Grenzen.

Künstliche Intelligenz verschärft die Lage zusätzlich: Komplexe Angriffe lassen sich automatisieren und mit geringem Aufwand umsetzen – nicht nur durch staatliche Akteure, sondern auch durch organisierte Cyberkriminelle. Die Fälle in Großbritannien sind nur die Spitze des Eisbergs. Die zugrunde liegenden Methoden werden längst branchenübergreifend genutzt und richten oft über lange Zeiträume unbemerkt Schaden an.

Die zentrale Erkenntnis: Sicherheit darf nicht länger vorausgesetzt werden. Sie muss realitätsnah überprüfbar, belastbar und kontinuierlich getestet sein. Investitionen in digitale Infrastruktur sind wichtig – entfalten aber nur dann Wirkung, wenn neue Systeme auch dauerhaft auf ihre Resilienz geprüft werden.

Warum passive IT-Sicherheitsansätze nicht mehr ausreichen

Viele etablierte Schutzmaßnahmen – Firewalls, Antivirensoftware oder die Erfüllung von Compliance-Vorgaben – stammen aus einer Zeit, in der IT-Bedrohungen vergleichsweise langsam, statisch und vorhersehbar waren. Sie wurden entwickelt, um bekannte Schwachstellen zu blockieren und regulatorische Anforderungen zu erfüllen. Doch heutige Angreifer agieren ganz anders: Sie sind schnell, anpassungsfähig und setzen auf Automatisierung und KI. Schwachstellen werden nicht mehr manuell aufgespürt, sondern systematisch identifiziert und in Echtzeit ausgenutzt.

Unternehmen brauchen heute Sicherheitsstrategien, die vom Schlimmsten ausgehen, statt vom Besten. Sie müssen davon ausgehen, dass Angriffe bereits stattfinden und ihre Systeme so gestalten, dass sie aktiv nach Schwachstellen suchen.

Cyberangriffe im Schnellmodus: Das neue Tempo der Bedrohung

Die Spielregeln der Cybersicherheit haben sich grundlegend verändert. Wo früher tiefgehende technische Expertise und wochenlange Vorbereitung nötig waren, genügt heute oft ein präziser Prompt und der Zugriff auf frei verfügbare Tools. Diese „Demokratisierung“ der Angriffs­techniken senkt nicht nur die Einstiegshürden, sondern beschleunigt das Geschehen dramatisch: Sobald eine neue Schwachstelle (CVE) öffentlich wird, beginnen Angreifer weltweit binnen Minuten mit der Ausnutzung – lange bevor traditionelle Abwehrmaßnahmen greifen können.

In diesem Umfeld ist Zeit zur entscheidenden Sicherheitsressource geworden. Der bisherige Vorteil der Verteidiger wird durch die Geschwindigkeit der Angreifer zunehmend relativiert. Wer zu langsam reagiert oder auf veraltete Schutzkonzepte setzt, geht hohe Risiken ein.

Offensive Sicherheit: Angreifen, bevor andere es tun

Offensive Security prüft IT-Systeme gezielt mit Methoden wie Penetrationstests, Red Teaming oder Social Engineering aus der Sicht potenzieller Angreifer. Diese realitätsnahen Tests decken Lücken auf, die bei statischen Analysen oft unentdeckt bleiben – und liefern Unternehmen belastbare Hinweise, wo ihre Sicherheitsarchitektur hält und wo sie dringend verstärkt werden muss. In einer Bedrohungslage, in der Reaktionsschnelligkeit über Sicherheit entscheidet, wird diese aktive Perspektive zum zentralen Baustein jeder wirksamen Verteidigungsstrategie.

Was Unternehmen jetzt tun müssen

Viele Unternehmen reagieren auf die wachsende Bedrohungslage mit intensiverem Patch-Management, mehr Monitoring und zusätzlichen Sicherheitstools. Doch Quantität allein schafft keine Sicherheit. Der eigentliche Engpass liegt nicht bei der Sichtbarkeit von Schwachstellen, sondern bei deren Priorisierung.

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Statt flächendeckend alle potenziellen Risiken gleichzeitig anzugehen, sollten Sicherheitsteams verstehen, wo ein echter Angreifer am wahrscheinlichsten ansetzen würde – und genau dort zuerst handeln. Hier setzt der Wert adversarialer Tests an: Durch realistische Angriffssimulationen lassen sich die kritischsten Schwachstellen identifizieren und in einen klar priorisierten Maßnahmenplan überführen.

Für Unternehmen bedeutet das:

  • Kontinuierliche Sicherheitstests einführen, um mit der Dynamik der Bedrohungslage Schritt zu halten
  • Vorhandene Reaktionspläne überarbeiten und regelmäßig unter Realbedingungen testen
  • Red Teams und Bedrohungssimulationen nutzen, um Sicherheitslücken aus Angreifersicht zu erkennen und zu schließen

Moderne Cybersicherheit bedeutet nicht, auf alles zu reagieren – sondern gezielt das zu schützen, was am verletzlichsten und geschäftskritischsten ist. Wer Veränderungen blind als sicher annimmt, riskiert, unbewusst neue Schwachstellen einzuführen. Neue Systeme und Prozesse müssen deshalb genauso konsequent getestet werden, wie es ein Angreifer tun würde.

Wir leben nicht mehr im Zeitalter der „Zero Days“, sondern der „Zero Hours“. Wer heute bestehen will, ist nicht derjenige, der am schnellsten reagiert – sondern der, der seine Sicherheitsmaßnahmen laufend testet, hinterfragt und nachweislich stärkt.

Cybersicherheit ist Führungssache

Cybersicherheit ist heute eine strategische Führungsaufgabe. Sie betrifft nicht nur die IT, sondern hat auch direkte Auswirkungen auf den Geschäftsbetrieb. Eine wirksame Sicherheitsstrategie setzt voraus, dass Schutzmaßnahmen nicht isoliert entwickelt werden, sondern eng mit Digitalisierungsvorhaben, Risikomanagement und Governance-Prozessen verknüpft sind. „Security by Design” ist dabei weniger ein technischer Meilenstein als eine unternehmensweite Grundhaltung, die nur durch regelmäßige Tests unter realistischen Bedingungen überprüfbar ist. Kontinuierliche Validierung schafft die Grundlage für belastbare Resilienz und gezielte Verbesserungen.

Vertrauen ist gut – Validierung ist besser

In einer Bedrohungslage, die von Schnelligkeit und Unvorhersehbarkeit geprägt ist, reicht Reaktivität nicht mehr aus – Proaktivität ist zwingend notwendig. Unternehmen müssen lernen, wie Angreifer zu denken: systematisch, strategisch, vorausschauend.

Nicht die Unternehmen mit den meisten Tools oder Zertifikaten werden künftig führend in Sachen Cybersicherheit sein, sondern diejenigen, die den Mut und die Disziplin haben, jede Annahme zu hinterfragen und ihre Sicherheitsarchitektur kontinuierlich zu testen. Sicherheit muss belegbar sein, nicht nur vermutet.

Über den Autor: Snehal Antani ist CEO und Mitgründer von Horizon3.ai. Zuvor war er CTO des US Joint Special Operations Command (JSOC), Chief Technology Officer bei Splunk sowie CIO bei GE Capital. Antani hält 18 vom US-Patentamt erteilte Patente in den Bereichen Datenverarbeitung, Cloud-Computing und Virtualisierung.

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