Patches kommen im Schnitt eine Woche zu spät. Mandiant beziffert die Time-to-Exploit neuer Schwachstellen erstmals im Minusbereich, während KI-Analysen wie beim Linux-Kernel-Fehler „Copy Fail“ jahrealte Lücken ans Licht holen. Ob sich der Vorsprung der Angreifer noch aufholen lässt, entscheidet sich an einer einzigen Frage.
Exploits laufen zunehmend automatisiert und in Sekunden ab, tagelange Vorbereitung braucht kaum noch ein Angreifer. Aus Wochen bis zur ersten Ausnutzung werden so nur noch Minuten.
(Bild: Gemini / KI-generiert)
Mandiant misst die mittlere Zeit bis zur Ausnutzung neuer Lücken inzwischen im negativen Bereich. Das bedeutet, dass Angreifer eine Schwachstelle im Median bereits ausnutzen, bevor der Hersteller überhaupt einen Patch veröffentlicht. Die Time-to-Exploit liegt bei geschätzt minus sieben Tagen, der Angriff kommt dem Fix also im Schnitt rund eine Woche zuvor. Oron Noah, VP of Product bei Wiz, erklärt die Folgen für die Verteidigungsarchitektur und den Wandel der Ausnutzbarkeit zur reinen Ja-Nein-Frage.
Der M-Trends-2026-Bericht von Mandiant und Google Cloud beziffert die mittlere Time-to-Exploit auf geschätzt minus sieben Tage. Die Ausnutzung beginnt im Median, bevor ein Patch bereitsteht. Parallel ist die Weitergabe eines Erstzugriffs an den nächsten Akteur von acht Stunden vor drei Jahren auf 22 Sekunden gefallen. Exploits bleiben im sechsten Jahr hintereinander der häufigste Einstiegsvektor und stehen hinter rund einem Drittel der untersuchten Vorfälle. Für jede Organisation, die Updates ausrollt, verliert damit eine Grundannahme ihre Gültigkeit. Der Patch-Zyklus schützt nicht mehr verlässlich vor der ersten Angriffswelle.
Die IT-Sicherheit ändert sich in den nächsten Monaten grundlegend
Noah rechnet damit, dass sich die Bewertung einer Schwachstelle im kommenden Jahr auf eine binäre Auskunft verengt. „Im kommenden Jahr gilt eine neue Norm. Man findet eine Schwachstelle, und die einzige Frage lautet, ob sie ausnutzbar ist, ja oder nein. Die Monate, die früher zwischen dem Eintrag im CVE-Katalog und der ersten Ausnutzung lagen, gibt es dann nicht mehr“, sagt Noah. Sicherheitsteams verlieren damit die Spanne, in der sie früher in Ruhe priorisieren und nachziehen konnten. An ihre Stelle rückt eine Reaktionsgeschwindigkeit, die der maschinellen Taktung der Angreifer standhält.
Den Umbruch führt Noah auf die großflächigen Ausnutzungswellen der vergangenen Jahre zurück. Das Muster zeigte sich bei der MOVEit-Kampagne von 2023. Die Cl0p-Gruppe nutzte ab dem 27.05.2023 eine SQL-Injection in Progress MOVEit Transfer aus, geführt als CVE-2023-34362. Zum Zeitpunkt der Massenausnutzung existierte kein Fix. Mehrere Tausend aus dem Internet erreichbare Server standen offen, bevor Hersteller und Behörden reagierten. Eine als Zero-Day breit ausgenutzte Schwachstelle lässt klassischen Vulnerability-Management-Teams keinen Spielraum mehr für ruhige Hygiene.
Die nächste Stufe setzt noch früher an. KI-gestützte Analyse deckt Schwachstellen auf, die jahrelang unbemerkt im Quellcode lagen. Im April 2026 meldete das Sicherheitsunternehmen Theori über seine KI-gestützte Testplattform den Kernel-Fehler CVE-2026-31431, getauft „Copy Fail“. Der Logikfehler steckt seit 2017 in der Krypto-Schicht des Linux-Kernels und erlaubt einem lokalen Nutzer die Rechteausweitung auf root. CrowdStrike beobachtet aktive Ausnutzung, die CISA führt den Eintrag im Katalog bekannter ausgenutzter Schwachstellen. Allein für 2025 zählte die Google Threat Intelligence Group 90 aktiv ausgenutzte Zero-Days, knapp die Hälfte davon in Unternehmenstechnik. Genau diese Dynamik beschreibt Noah. „Man muss seine exponierten Technologien vollständig kennen und die wichtigen Assets markieren und ranken, also die Dinge, die von vornherein nach außen offen liegen. Heute sind sie nicht verwundbar. Morgen können sie es sein“, erläutert er. Aus diesem Befund leitet er einen Vorbereitungsauftrag an jedes Team ab, lange bevor der erste Angriff trifft.
Wiz beantwortet die verkürzte Zeitachse mit drei autonom arbeitenden Agenten. Der Red Agent übernimmt die Rolle eines Penetrationstesters und prüft die Umgebung von außen. Grundlage bildet der Security Graph, der die Netzwerktopologie samt Firewall-Regeln und die nach außen offenen Endpunkte modelliert. Einen offen erreichbaren Kubernetes-Cluster behandelt der Agent als mögliche Eintrittsstelle, verbindet das Wissen über die darunterliegenden Technologien und versucht den Durchbruch von außen. Am Ende steht ein eindeutiges Verdikt. Gelingt die Ausnutzung dem Agenten, gilt sie auch für einen realen Angreifer als machbar, und das Team kennt zugleich die Pfade, die sich daraus öffnen.
Den wesentlichen Unterschied zur reinen Risikoliste sieht Noah in der Nachvollziehbarkeit. „Der Red Agent übergibt dem SOC-Team beides, den Weg des Durchbruchs und den exakten Befehl zum Nachstellen. Bei Zweifeln am Ergebnis spielt das Team den Schritt selbst nach und beobachtet die Ausnutzung selbst“, beschreibt er den Ablauf. Aus einer langen Aufstellung nominell kritischer Funde wird so eine überschaubare Menge bestätigter Angriffspfade. Die Frage zielt damit auf einen konkreten Pfad im eigenen Netz statt auf die Zahl offener CVEs.
Die Verteidiger sieht Noah im Vorteil, sobald KI auf beiden Seiten steht. „Viele fürchten sich vor KI. Wir halten dagegen, dass Verteidiger wie Wiz zusammen mit Google die besseren Voraussetzungen haben. Ein Angreifer kennt nur, was er von außen sieht. Eine Verteidiger-KI braucht Kontext, und den Kontext haben wir, über die Identitäten, die Verbindungen und die Beziehungen zwischen den Elementen in der Cloud“, sagt Noah. Sein Leitsatz dazu lautet „Wir nutzen KI, um KI zu schlagen.“ Der Kontext aus dem Security Graph entscheidet, ob ein Fund an der Außenschicht mit einer tiefer liegenden Schwäche zusammenhängt und ob ein kompromittierter Agent am Ende Zugriff auf ein Kronjuwel-Asset erhält.
Stand: 08.12.2025
Es ist für uns eine Selbstverständlichkeit, dass wir verantwortungsvoll mit Ihren personenbezogenen Daten umgehen. Sofern wir personenbezogene Daten von Ihnen erheben, verarbeiten wir diese unter Beachtung der geltenden Datenschutzvorschriften. Detaillierte Informationen finden Sie in unserer Datenschutzerklärung.
Einwilligung in die Verwendung von Daten zu Werbezwecken
Ich bin damit einverstanden, dass die Vogel IT-Medien GmbH, Max-Josef-Metzger-Straße 21, 86157 Augsburg, einschließlich aller mit ihr im Sinne der §§ 15 ff. AktG verbundenen Unternehmen (im weiteren: Vogel Communications Group) meine E-Mail-Adresse für die Zusendung von Newslettern und Werbung nutzt. Auflistungen der jeweils zugehörigen Unternehmen können hier abgerufen werden.
Der Newsletterinhalt erstreckt sich dabei auf Produkte und Dienstleistungen aller zuvor genannten Unternehmen, darunter beispielsweise Fachzeitschriften und Fachbücher, Veranstaltungen und Messen sowie veranstaltungsbezogene Produkte und Dienstleistungen, Print- und Digital-Mediaangebote und Services wie weitere (redaktionelle) Newsletter, Gewinnspiele, Lead-Kampagnen, Marktforschung im Online- und Offline-Bereich, fachspezifische Webportale und E-Learning-Angebote. Wenn auch meine persönliche Telefonnummer erhoben wurde, darf diese für die Unterbreitung von Angeboten der vorgenannten Produkte und Dienstleistungen der vorgenannten Unternehmen und Marktforschung genutzt werden.
Meine Einwilligung umfasst zudem die Verarbeitung meiner E-Mail-Adresse und Telefonnummer für den Datenabgleich zu Marketingzwecken mit ausgewählten Werbepartnern wie z.B. LinkedIN, Google und Meta. Hierfür darf die Vogel Communications Group die genannten Daten gehasht an Werbepartner übermitteln, die diese Daten dann nutzen, um feststellen zu können, ob ich ebenfalls Mitglied auf den besagten Werbepartnerportalen bin. Die Vogel Communications Group nutzt diese Funktion zu Zwecken des Retargeting (Upselling, Crossselling und Kundenbindung), der Generierung von sog. Lookalike Audiences zur Neukundengewinnung und als Ausschlussgrundlage für laufende Werbekampagnen. Weitere Informationen kann ich dem Abschnitt „Datenabgleich zu Marketingzwecken“ in der Datenschutzerklärung entnehmen.
Falls ich im Internet auf Portalen der Vogel Communications Group einschließlich deren mit ihr im Sinne der §§ 15 ff. AktG verbundenen Unternehmen geschützte Inhalte abrufe, muss ich mich mit weiteren Daten für den Zugang zu diesen Inhalten registrieren. Im Gegenzug für diesen gebührenlosen Zugang zu redaktionellen Inhalten dürfen meine Daten im Sinne dieser Einwilligung für die hier genannten Zwecke verwendet werden. Dies gilt nicht für den Datenabgleich zu Marketingzwecken.
Recht auf Widerruf
Mir ist bewusst, dass ich diese Einwilligung jederzeit für die Zukunft widerrufen kann. Durch meinen Widerruf wird die Rechtmäßigkeit der aufgrund meiner Einwilligung bis zum Widerruf erfolgten Verarbeitung nicht berührt. Um meinen Widerruf zu erklären, kann ich als eine Möglichkeit das unter https://contact.vogel.de abrufbare Kontaktformular nutzen. Sofern ich einzelne von mir abonnierte Newsletter nicht mehr erhalten möchte, kann ich darüber hinaus auch den am Ende eines Newsletters eingebundenen Abmeldelink anklicken. Weitere Informationen zu meinem Widerrufsrecht und dessen Ausübung sowie zu den Folgen meines Widerrufs finde ich in der Datenschutzerklärung.
Seit März 2026 gehört Wiz zu Google Cloud, die Marke bleibt bestehen. Für das Thema Ausnutzbarkeit verbindet der Verbund die Posture-Analyse von Wiz mit der Frontline-Aufklärung aus dem Mandiant-Umfeld. Francis deSouza, COO und President of Security Products bei Google Cloud, beschreibt den Übergang von einer menschlich geführten hin zu einer KI-geführten Verteidigung unter menschlicher Aufsicht, mit einer teilautomatisierten Zwischenstufe. Der bestehende Triage- und Untersuchungs-Agent verarbeitete nach Google-Angaben über fünf Millionen Alarme im vergangenen Jahr und drückte eine typische halbstündige Analyse auf rund 60 Sekunden. Die Bedrohungsdaten aus den Mandiant-Untersuchungen fließen in die Priorisierung ein und unterscheiden eine real ausgenutzte Lücke von einer rein theoretisch kritischen.
Blue Agent und Green Agent übernehmen die Reaktion
Die beiden weiteren Agenten ergänzen den Ansatz an der Reaktionsseite. Der Blue Agent überwacht die Umgebung dauerhaft und liefert dem SOC-Analysten innerhalb einer Minute eine belastbare Aussage über einen aktiven Angriff samt dem Hinweis auf die passende Gegenmaßnahme. Der Green Agent sucht Fehler und ordnet sie dem jeweils Verantwortlichen zu. Dazu schlägt er einen Code-Fix vor, der sich per Klick an einen Coding-Agenten übergeben lässt. Für geschäftskritische Anwendungen zieht Wiz eine bewusste Grenze. Ein Mensch gibt den automatisierten Korrekturvorschlag frei, bevor er greift. Bei modern aufgesetzten Pipelines mit gestuftem Staging und automatisierten Tests gelangt der Austausch eines verwundbaren Base-Images über die regulären Prüfstufen in die Produktion.
Für Unternehmen beginnt die Vorbereitung früher. Noah empfiehlt, die exponierten Technologien zu erfassen und die kritischen Assets zu ranken. Für jeden Posten rät er zudem zu einem Verantwortlichen und einem Remediation-Plan. „Alles beginnt mit Sichtbarkeit. Sichtbarkeit ist der Schlüsselfaktor, denn ungesehene Systeme lassen sich nicht schützen“, fasst er zusammen. Den ersten Schritt für eine unübersichtlich gewordene KI-Umgebung beschreibt er als vollständige Inventarisierung der Agenten, und MCP-Server samt der genutzten Tools, verbunden mit der Klärung, wer sie angelegt hat. Nach Wiz-Angaben zeigen über 70 Prozent der untersuchten Kundenumgebungen bereits Spuren solcher KI-Komponenten, oft schneller eingeführt, als die Sicherheitsteams mitwachsen.
Die verkürzte Zeitachse macht den Patch-Zyklus zur notwendigen, doch nicht mehr hinreichenden Kontrolle. Entscheidend ist die Geschwindigkeit, mit der ein Team einen Fund als ausnutzbar bestätigt und den passenden Angriffspfad schließt. Wiz verlagert diese Bestätigung in eine maschinelle Prüfung am realen Pfad und übergibt dem SOC ein Ja oder Nein anstelle einer Risikoliste. Für jede Organisation, die Updates einspielt, verschiebt sich der Maßstab von der Zahl offener Schwachstellen hin zur belegten Ausnutzbarkeit im eigenen Netz.