Die neue Währung der Cyberresilienz Time-to-Recovery statt Time-to-Detection

Von Richard Cassidy 5 min Lesedauer

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Da KI-gestützte Angriffe in Sekundenschnelle geschehen, reicht die bloße Erkennung in der heutigen Cyberlandschaft nicht mehr aus. Die eigentliche Frage lautet: Wie schnell können Unternehmen sich davon erholen?

Unternehmen müssen angesichts schneller KI-Angriffe und steigender Risiken durch Ransomware vor allem ihre Time-to-Recovery optimieren, um cyberresilient zu bleiben beziehungsweise zu werden.(Bild:  ryanking999 - stock.adobe.com)
Unternehmen müssen angesichts schneller KI-Angriffe und steigender Risiken durch Ransomware vor allem ihre Time-to-Recovery optimieren, um cyberresilient zu bleiben beziehungsweise zu werden.
(Bild: ryanking999 - stock.adobe.com)

In der Vergangenheit war der Erfolg im Bereich der Cybersicherheit an die Frühwarnung ge­bun­den. Wenn ein Unternehmen eine Sicherheitslücke schnell genug erkannte, so die Überlegung, konnte der Schaden minimiert werden. Dieser Ansatz, der in Frameworks wie MITRE ATT&CK verwurzelt ist, konzentriert sich auf die frühzeitige Identifizierung von Angreifern, sei es durch Signaturen, Verhaltensweisen oder bekannte Muster. Doch Künstliche Intelligenz (KI) hat dieses Modell auf den Kopf gestellt. Bedrohungsakteure können ihre Tools jetzt in Echtzeit anpassen, Malware neu schreiben, die Infrastruktur neu konfigurieren und Angriffe innerhalb weniger Minuten neu starten. Die Zeit, die früher den Verteidigern in die Karten spielte, ist jetzt auf der Seite der Angreifer. Für Chief Information Officers (CIOs) wird Time-to-Recovery (TTR) zum wichtigsten KPI für das Überleben, während Vorstände darüber nachdenken müssen, was Cyberresilienz wirklich bedeutet.

Das Scheitern traditioneller Metriken

Die Abhängigkeit der Branche von Kennzahlen wie der Mean Time to Detect (MTTD) und der Mean Time to Respond (MTTR) hat ein falsches Gefühl der Sicherheit geschaffen. Diese Indi­ka­toren zeigen, was nachträglich passiert ist. Sie helfen Unternehmen nicht dabei, Betriebs­un­ter­brechungen zu verhindern. Selbst die schnellste Erkennung kann Ransomware nicht davon abhalten, Systeme zu sperren oder Daten zu vernichten. Die Realität zeigt, dass Cybersecurity-Teams es sich nicht mehr leisten können, Bedrohungen nur schnell zu erkennen. Stattdessen müssen sie sich darauf konzentrieren, wie effektiv sie sich von ihnen erholen können.

Das eigentliche Risiko liegt in der Wiederherstellung. Nicht nur Datenverluste, sondern auch Ausfallzeiten führen oft zu Rufschädigung, finanziellen Auswirkungen und Geschäftsausfällen. Eine Sicherheitslücke, die den Kernbetrieb für eine Woche zum Erliegen bringt, kann katas­tro­phale Folgen haben. Dennoch haben viele Chief Information Security Officers (CISOs) immer noch keine klare Vorstellung davon, wie lange die Wiederherstellung tatsächlich dauert. Oft haben sie es noch nie getestet – ein entscheidender blinder Fleck.

Statistiken zeigen, dass die durchschnittliche Ausfallzeit nach einem Ransomware-Angriff bei Unternehmen in den USA zwischen 2020 und 2021 bereits von 15 auf 24 Tage gestiegen ist. In den letzten Jahren sind die Angriffe, auch durch den Einsatz von KI, immer schwerwiegender, ausgefeilter und präziser geworden, was sich gravierend auf die Wiederherstellungszeit auswirken wird.

Time-To-Recovery: Die Kennzahl, die über das Überleben entscheidet

Time-to-Recovery bietet einen Weg, diese Lücke zu schließen. Diese Kennzahl erfasst, wie lange es dauert, bis ein sauberes, sicheres und funktionierendes System nach einem Vorfall wieder­hergestellt ist. Im Gegensatz zu Erkennungsmetriken kann die TTR durch Tests gemessen und validiert werden. Sie gibt den Vorständen greifbare Einblicke in die Widerstandsfähigkeit ihrer Organisation. Außerdem spiegelt sie die tatsächliche Resilienz wider, indem sie verdeutlicht, ob ein Vorfall nur eine vorübergehende Störung oder eine ausgewachsene Krise darstellt.

Die Folge der Aufwertung der TTR zu einem KPI auf Vorstandsebene ist erheblich. Sie erzwingt eine Umverteilung der Budgets für Cybersicherheit, die heute noch stark auf Präventionstools ausgerichtet sind. Firewalls, Endpunktüberwachung und Erkennungssysteme dominieren die Ausgaben. Diese Investitionen bringen jedoch immer weniger ein, wenn sich der Angreifer schneller weiterentwickelt als die Tools, die ihn aufhalten sollen. Eine Denkweise, die sich auf Recovery fokussiert, verlagert die Investitionen auf eine Infrastruktur, die eine schnelle Re­generation erlaubt: unveränderliche Backups, orchestrierte Reperatur-Workflows, isolierte Umgebungen für saubere Wiederherstellungen und automatisierte Tests von Disaster-Recovery-Plänen.

Unternehmen in Deutschland haben die Relevanz von Disaster Recovery erkannt und inves­tieren kräftig. Das bestätigt die Statista-Studie zur Marktentwicklung von Disaster Recovery as a Service (DRaaS) im Public-Cloud-Markt in Deutschland. Der aktuelle Umsatz von knapp 750 Millionen Euro soll bis 2029 auf 1,3 Milliarden Euro steigen. Im weltweiten Vergleich wird der größte Umsatzanteil in den USA erwartet mit 4,67 Milliarden Euro im Jahr 2025.

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Warum Vorstände in Resilienz investieren müssen

Durch die Verlagerung des Fokus werden die Gespräche zwischen den Sicherheitsteams und dem Vorstand neugestaltet. Derzeit neigen Vorstände dazu, nach der Auditbereitschaft, den Risikowerten und der Anzahl der Vorfälle zu fragen. Mit der Umstellung auf TTR wird die Dis­kussion jedoch auf die Geschäftskontinuität gelenkt. Wie schnell könnten wir kritische Dienste wiederherstellen, wenn morgen ein Cyberangriff stattfinden würde? Wie können wir das wis­sen? Testen wir das? Diese Fragen zwingen zu einem strategischeren, ergebnisorientierten Ansatz für die Ausfallsicherheit.

Darüber hinaus ist diese Metrik nicht nur eine technische Notwendigkeit, sondern eine Führ­ungs­aufgabe. Cyberangriffe legen nicht nur Server lahm, sondern unterbrechen auch Liefer­ket­ten, stoppen die Produktion und führen in einigen Fällen zu einem Wechsel der Führungskräfte. Wie der aktuelle Bericht von Rubrik Zero Labs zeigt, kommt es bei mehr als einem Drittel der Cybervorfälle innerhalb weniger Monate zu einem Wechsel auf Führungsebene. Wenn der Be­trieb zum Stillstand kommt, wird die Schuld nach oben verlagert. Vorstände haben daher ein eigenes Interesse daran, sicherzustellen, dass sich das Unternehmen schnell und sauber erholen kann.

Fazit: Cyberresilienz ist der neue Wettbewerbsvorteil

In Zukunft wird Cyberresilienz zum neuen Wettbewerbsvorteil. Unternehmen, die sich am schnellsten von unvermeidlichen Sicherheitsverletzungen erholen, werden diejenigen über­treffen, die dies nicht tun. Der Fokus liegt nicht mehr darauf, jeden Vorfall zu verhindern, son­dern die Geschäftskontinuität unter allen Umständen zu garantieren. Obwohl die Prä­ven­tion im Geschäftsumfeld nach wie vor notwendig ist, reicht sie allein nicht mehr aus.

Die Verantwortlichen in den Unternehmen müssen sich jetzt intensiv mit ihrer Vorbereitung auseinandersetzen. Recovery ist nicht nur ein IT-Thema, sondern betrifft die Vorstandsetage. Wenn TTR nicht auf höchster Ebene diskutiert wird, befindet sich das Unternehmen im Blind­flug. Die Führungsebene muss sich folgende Fragen stellen: Wissen wir, wie lange die Wieder­her­stellung dauert? Wird dieser Zeitrahmen validiert? Sind wir darauf vorbereitet, die nächste Sicherheitsverletzung zu überleben?

Es gibt kein Patentrezept für die Cybersicherheit. Es wird Angriffe geben. Systeme werden kom­promittiert. Aber der Unterschied zwischen widerstandsfähigen und anfälligen Unter­neh­men besteht nicht darin, wer angegriffen wird, sondern wer am schnellsten wieder ein­satz­bereit ist. Das ist die neue Realität. Und deshalb muss die Time-to-Recovery zur führenden Kennzahl für die Cyber-Widerstandsfähigkeit werden.

Über den Autor: Richard Cassidy ist CISO bei Rubrik.

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