Fast jeder zweite CISO fürchtet Jobverlust nach Vorfall CISOs müssen die Sprache des Vorstands lernen

Ein Gastbeitrag von Thomas Joos für One Identity 4 min Lesedauer

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80 Prozent der CISOs stehen unter hoher Belastung, fast jeder zweite fürchtet nach einem Sicherheitsvorfall den Jobverlust. Das Problem: Über die Hälfte verfügt über keine Metriken, die Vorstände wirklich verstehen. CISOs müssen lernen, Risiken in betriebswirtschaftliche Größen zu übersetzen und Cybersicherheit als Wertschöpfungsbeitrag zu vermitteln.

Cybersecurity ist ein strategischer Faktor für Stabilität und Wachstum. Doch zwischen technischer Realität und wirtschaftlicher Erwartung entsteht eine Kommunikationslücke.(Bild: ©  Vadym - stock.adobe.com)
Cybersecurity ist ein strategischer Faktor für Stabilität und Wachstum. Doch zwischen technischer Realität und wirtschaftlicher Erwartung entsteht eine Kommunikationslücke.
(Bild: © Vadym - stock.adobe.com)

Cyberangriffe sind kein technisches Detail, sondern ein Geschäftsrisiko. Produktionsstillstände, Vertragsausfälle und Reputationsschäden wirken unmittelbar auf Bilanz und Marktwert. Der Angriff auf Jaguar Land Rover hat gezeigt, wie empfindlich Unternehmen auf digitale Störungen reagieren. In nur drei Monaten sank der Absatz um ein Viertel, weil zentrale Systeme ausfielen. Solche Vorfälle verdeutlichen, dass Cyberschutz über operative Kontinuität entscheidet. Trotzdem steigen die Budgets kaum. Der Nagomi CISO Pressure Index 2025 zeigt, dass 80 Prozent der Sicherheitsverantwortlichen unter hoher Belastung stehen und zwei Drittel wöchentlich oder täglich Erschöpfung erleben. Fast jeder zweite CISO nennt den Vorstand als Hauptquelle dieses Drucks.

Strukturelle Überforderung auf beiden Ebenen

Die Rolle des CISO hat sich zu einer strategischen Schnittstelle entwickelt. Sie verbindet technische Verantwortung mit politischem Anspruch. Chefs der Unternehmenssicherheit müssen operative Resilienz sicherstellen und gleichzeitig Vorstände über Risiken, Prioritäten und Ergebnisse informieren. Diese doppelte Verantwortung erzeugt Reibung. Führungsgremien erwarten Kennzahlen, die Sicherheitslage in betriebswirtschaftliche Größen übersetzen. Laut Nagomi-Report können 82 Prozent der CISOs Risiken quantifizieren, aber mehr als die Hälfte verfügt über keine Metriken, die Vorstände wirklich verstehen.

Praerit Garg, CEO von One Identity, beschreibt dieses Spannungsfeld als Kommunikationsproblem. CISOs denken in Bedrohungsszenarien, Vorstände in Ergebnissen. Risiko ist für die eine Seite ein technisches Konstrukt, für die andere ein Kostenfaktor. Garg betont, dass Sicherheitsverantwortliche lernen müssen, in der Sprache des Vorstands zu sprechen. Wer in dieser Ebene überzeugen will, muss zeigen, wie Sicherheit Rendite schützt. Die Diskussion verschiebt sich von der Abwehr zu messbaren Resultaten.

Zwischen Technik und Vertrauen

Das Vertrauen in Sicherheitswerkzeuge sinkt. Laut Nagomi-Studie verzeichneten drei Viertel der CISOs in den letzten sechs Monaten mindestens einen größeren Vorfall, über die Hälfte trotz vorhandener Schutzsysteme. Ebenfalls mehr als die Hälfte berichtet, dass eingesetzte Tools versagten, obwohl sie Angriffe hätten verhindern sollen. Gleichzeitig steigt die Komplexität der Systemlandschaften. der allergrößte Teil der Sicherheitschefs betreuen mehr als zwanzig verschiedene Tools, einige sogar über fünfzig. Fehlende Integration und fragmentierte Daten führen zu ineffizienter Ressourcenverteilung.

Garg fordert deshalb eine Vereinfachung der Sicherheitsarchitektur. Identität, Berechtigung und Zugriff bilden den zentralen Schutzbereich eines Unternehmens. Wer in dieser Ebene Ordnung schafft, reduziert Risiken und Kosten gleichzeitig. Drei Schwerpunkte definiert er als Kern einer widerstandsfähigen Strategie: eine straffe Identity Governance, die Verwaltung privilegierter Konten nach Zero-Trust-Prinzipien und den gezielten Abbau überflüssiger Komplexität in der gesamten IT-Landschaft. So entsteht eine Sicherheitsstruktur, die nachvollziehbar und skalierbar bleibt.

Künstliche Intelligenz als strategisches Werkzeug

Der anhaltende Fachkräftemangel verschärft die Lage. Der Nagomi-Report nennt ihn als strukturelles Risiko, das durch steigende Vorfallzahlen weiterwächst. Über 80 Prozent der befragten CISOs stehen unter Druck, Personal zu reduzieren und Effizienz durch KI-Automatisierung zu steigern. Gleichzeitig sehen ebenfalls wieder weit über die Hälfte KI-gestützte Angriffe als größte Bedrohung. Diese doppelte Rolle von KI als Risiko und Hilfsmittel prägt den gegenwärtigen Diskurs.

Garg betrachtet das nicht als Widerspruch, sondern als notwendige Entwicklung. Menschliche Fähigkeiten reichen nicht mehr aus, um die Geschwindigkeit moderner Angriffe zu beherrschen. KI kann dort wirken, wo Analyse und Reaktionszeit über menschliche Grenzen hinausgehen. Autonome Systeme überwachen Netzwerke kontinuierlich, erkennen Muster und reagieren in Echtzeit. Dadurch entsteht eine zweite Schutzebene, die menschliche Entscheidungen ergänzt. KI entlastet Teams, indem sie Routineprüfungen übernimmt und Anomalien früh markiert.

In diesem Verständnis ist KI ein strategischer Hebel, keine Rationalisierungsmaßnahme. Sie erweitert die Wahrnehmung der Sicherheitsteams und ermöglicht eine Verschiebung von reaktiver Abwehr zu vorausschauender Kontrolle. So lässt sich auch die strukturelle Überlastung abfedern, die viele Organisationen lähmt. KI ersetzt keine Erfahrung, sie erweitert sie.

Sicherheitsarchitektur als Führungsaufgabe

Sicherheit bleibt nur dann messbar, wenn sie mit geschäftlichen Kennzahlen verknüpft ist. Garg argumentiert, dass Sicherheitschefs nicht um Budget bitten, sondern Ergebnisse nachweisen müssen. Dazu gehören überprüfbare Kennzahlen wie Reaktionszeit, Schadenshöhe pro Vorfall oder Kosteneinsparungen durch Systemkonsolidierung. Sicherheit wird so zu einem Effizienzfaktor. CISOs, die mit Daten und klaren Korrelationen argumentieren, schaffen Vertrauen und verändern die Gesprächsbasis mit dem Vorstand.

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Dieser Ansatz ist derzeit noch selten etabliert. Die Hälfte der CISOs sehen die Erwartungshaltung des Vorstands als größte Belastung und mehr als die Hälfte befürchtet, nach einem Sicherheitsvorfall ihren Posten zu verlieren. Dieses Klima der Unsicherheit hemmt Innovation. Unternehmen, die Cybersicherheit als gemeinsame Führungsaufgabe begreifen, erhöhen nicht nur ihre Resilienz, sondern stärken ihre Governance-Strukturen.

Von Verteidigung zu Führung

Cybersicherheit ist ein fester Bestandteil moderner Unternehmenssteuerung. Die Sprache des Vorstands orientiert sich an Effizienz und Kapitalrendite. CISOs müssen diesen Bezugsrahmen verstehen und nutzen, ohne technische Präzision zu verlieren. Sie fungieren als Vermittler zwischen operativer Sicherheit und wirtschaftlicher Planung.

Der Wandel, den (nicht nur) Garg beschreibt, erfordert strukturelle Anpassung. Sicherheitsarchitekturen müssen einfacher werden, Teams sollen durch KI ergänzt und Kommunikationswege zwischen Sicherheit und Führung neu definiert werden. Nur so lässt sich die Lücke zwischen Verantwortung und Einfluss schließen. Der Druck, den zahlreiche weitere Studien und Statisten zeigen, entsteht nicht allein aus Bedrohungen, sondern aus fehlender Abstimmung zwischen Risiko und Management.

Fazit

Cybersicherheit ist kein nachgelagertes Thema, sondern Führungsaufgabe. Sie verlangt technische Klarheit, organisatorische Disziplin und betriebswirtschaftliches Verständnis. Die Zukunft liegt nicht in immer neuen Werkzeugen, sondern in integrierten, lernfähigen Systemen und einer Sprache, die strategische Wirkung entfaltet. Wer Sicherheit als Beitrag zur Wertschöpfung versteht, überzeugt die Vorstandsebene. Wer Bedrohungen in Lösungen übersetzt, verändert Strukturen. CISOs, die diese Sprache beherrschen, sichern nicht nur Systeme, sondern die Stabilität des gesamten Unternehmens.

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