eIDAS 2.0 macht digitale Identitäten zur Chefsache Digitale Identität ist mehr als ein Onboarding-Thema

Ein Gastbeitrag von Dr. Heinrich Grave 5 min Lesedauer

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Mit eIDAS 2.0 entwickelt Europa den regulatorischen Rahmen für digitale Identitäten weiter. Für Unternehmen ist das mehr als ein Compliance-Thema: Identifizierung, Signatur und Authentisierung müssen als durchgängiges Vertrauensmodell gedacht werden. Fünf Handlungsfelder zeigen, wo konkrete Vorbereitung jetzt sinnvoll ist.

eIDAS 2.0 erweitert den Rahmen für digitale Identitäten weit über das Onboarding hinaus. Unternehmen müssen Identifizierung, Signatur und Authentisierung als durchgängiges Modell aufbauen.(Bild: ©  Kritsadee - stock.adobe.com)
eIDAS 2.0 erweitert den Rahmen für digitale Identitäten weit über das Onboarding hinaus. Unternehmen müssen Identifizierung, Signatur und Authentisierung als durchgängiges Modell aufbauen.
(Bild: © Kritsadee - stock.adobe.com)

Mit der Entwicklung von eIDAS 2.0 ist für Unternehmen vor allem entscheidend, welche Vorbereitungen sie jetzt treffen sollten, damit digitale Identitäten später nicht nur regelkonform, sondern auch sicher, skalierbar und praxistauglich eingesetzt werden können. Genau hier liegt die eigentliche Herausforderung. Denn digitale Identität ist kein isoliertes Regulierungsthema. Sie berührt zentrale Sicherheits- und Prozessfragen zugleich: die verlässliche Identifizierung von Nutzern, die Absicherung sensibler Interaktionen, die Qualität von Authentisierungsverfahren und die Frage, wie sich Identität, Signatur und Zugriffskontrolle in durchgängige digitale Abläufe integrieren lassen.

Identifizierung, Signatur und Authentisierung wachsen zu einem durchgängigen Vertrauensmodell zusammen über den gesamten Kundenlebenszyklus hinweg: vom Onboarding über Vertragsaktionen bis hin zu wiederkehrenden Zugriffen und Freigaben. Für Unternehmen bedeutet das: Wer sich jetzt vorbereitet, sollte nicht nur einzelne Tools betrachten, sondern die eigene Identitäts- und Sicherheitsarchitektur insgesamt.

Vom Onboarding zur durchgängigen digitalen Vertrauenskett

Viele Organisationen verbinden digitale Identität noch immer primär mit dem Erstkontakt: Ident prüfen, Zugang eröffnen, Prozess abschließen. Das greift zu kurz. Denn die sicherheitsrelevanten Fragen beginnen nicht nur beim Einstieg, sondern setzen sich im gesamten weiteren Verlauf fort.

Sobald Nutzende wiederkehren, Dokumente freigeben, Verträge unterzeichnen, sensible Daten abrufen oder Rechte ausüben, stellt sich dieselbe Frage wieder: Ist die handelnde Person verlässlich identifiziert, passend authentisiert und in einen sicheren, nutzbaren Prozess eingebunden?

Wer digitale Identität nur am Anfang eines Prozesses verankert, schafft oft neue Brüche. Typische Folgen sind doppelte Prüfstrecken, uneinheitliche Authentifizierungsverfahren, unnötige Medienwechsel und zusätzlicher Supportaufwand.

Fünf Handlungsfelder, die Unternehmen jetzt priorisieren sollten:

1. Identität, Signatur und Authentisierung gemeinsam betrachten

Der erste Schritt ist kein Produktentscheid, sondern eine Architekturfrage. In vielen Unternehmen sind Identifizierung, Signatur, Freigabe und Zugangskontrolle historisch getrennt organisiert. Das mag organisatorisch nachvollziehbar sein, erschwert aber konsistente Sicherheits- und Nutzerkonzepte.

Der erste Schritt ist eine ehrliche Bestandsaufnahme:

  • Wo finden heute Identitätsprüfungen statt?
  • Welche Signaturprozesse existieren bereits?
  • Wie wird bei erneuten Zugriffen authentisiert?
  • Wo greifen diese Bausteine bisher noch nicht ineinander?

Diese Transparenz ist entscheidend. Erst wenn klar ist, wo die Brüche liegen, lassen sich belastbare Zielbilder für durchgängige digitale Vertrauensprozesse entwickeln.

2. Die stärksten Reibungspunkte in bestehenden Prozessen identifizieren

Nicht jeder Prozess muss sofort neu gebaut werden. Der bessere Ansatz ist, zuerst die Stellen mit dem höchsten operativen und sicherheitstechnischen Druck zu priorisieren. Dazu gehören meist digitale Vertragsstrecken, Onboarding-Prozesse und wiederkehrende Zugriffe auf sensible Funktionen.

Gerade dort lohnt sich ein genauer Blick auf Medienbrüche, doppelte Dateneingaben, manuelle Prüfschritte und uneinheitliche Authentisierung. Wo solche Schwachstellen auftreten, ist der Hebel für Verbesserung meist am größten. Denn dort treffen Sicherheitsanforderungen, Nutzererwartung und Prozesskosten unmittelbar aufeinander.

3. Onboarding nicht isoliert optimieren

Remote-Onboarding mit Video-Ident und biometrischer Verifikation ist in vielen regulierten Branchen längst relevant. Häufig wird dieser Schritt jedoch als abgeschlossene Anfangsstufe behandelt. Damit bleibt sein Potenzial ungenutzt.

Sinnvoller ist es, Onboarding von Anfang an als Teil einer längeren digitalen Beziehung zu betrachten. Die Frage lautet also nicht nur, wie ein Erstkontakt sicher digital abgeschlossen werden kann, sondern wie sich die dabei geschaffene verifizierte Identität später für Authentisierung, Freigaben oder Signaturprozesse sinnvoll weiterverwenden lässt.

Wer diese Anschlussfähigkeit nicht mitdenkt, schafft einen formal sauberen Einstieg, aber noch keine belastbare digitale Vertrauenskette.

4. Authentisierung aus der Passwortlogik herauslösen

Ein besonders relevanter Bereich für konkrete Vorbereitung ist die erneute Authentisierung. Viele Unternehmen arbeiten hier noch immer in Strukturen, die stark von klassischen Passwortmodellen geprägt sind. Das erzeugt bekannte Probleme: hohe Reibung für Nutzende, Sicherheitsrisiken, Supportlast und eine begrenzte Prozessqualität.

Verifizierte digitale Identitäten eröffnen hier eine strategisch relevante Alternative. Sie können helfen, Authentisierung belastbarer und benutzerfreundlicher zugleich zu gestalten. Gerade für Security-Teams ist das relevant, weil sich hier Identitätssicherheit, Zugriffsschutz und Nutzerfreundlichkeit direkt überschneiden. Nicht zuletzt deshalb gelten Identity- und Access Management heute als strategische Bausteine moderner Unternehmenssicherheit.

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Die praktische Konsequenz ist klar: Unternehmen sollten früh prüfen, in welchen Prozessen sich wiederkehrende Authentisierung an verifizierte Identitäten anbinden lässt, statt sie dauerhaft über getrennte Passwort- und Fallback-Strukturen zu organisieren.

5. Nicht auf den Endzustand warten

Bei regulatorischen Technologiethemen ist die Versuchung groß, auf einen vollständig ausgereiften Markt zu warten. Bei digitalen Identitäten ist das keine gute Strategie. Wer erst dann startet, wenn alle Rollen, Standards und Nutzungsmuster abschließend etabliert sind, verliert wertvolle Integrationszeit.

Sinnvoller ist es, schon jetzt in klar umrissenen Feldern anzusetzen: bei digitalen Vertragsabschlüssen mit qualifizierten elektronischen Signaturen, bei skalierbarem Remote-Onboarding und bei moderner Authentisierung auf Basis verifizierter Identitäten.

Diese Handlungsfelder verbessern nicht nur die regulatorische Zukunftsfähigkeit. Sie schaffen auch konkret robustere Abläufe, weniger Reibung und eine bessere Grundlage für spätere Skalierung.

Woran sich gute Vorbereitung erkennen lässt

Ob ein Unternehmen auf digitale Identitäten wirklich vorbereitet ist, zeigt sich nicht an Strategiefolien oder Ankündigungen. Sichtbar wird es an den Prozessen.

Gute Vorbereitung bedeutet, dass Identitätsprüfung, Authentisierung und vertrauensrelevante Aktionen nicht länger isoliert nebeneinanderstehen. Sie bedeutet auch, dass Sicherheitsanforderungen nicht gegen Nutzerfreundlichkeit ausgespielt werden, sondern in einem konsistenten Ablauf zusammengeführt werden. Und sie zeigt sich dort, wo aus einzelnen Compliance-Maßnahmen ein belastbares Modell für wiederkehrende digitale Interaktionen entsteht.

eIDAS 2.0 ist deshalb nicht nur ein regulatorischer Rahmen. Für Unternehmen ist die Verordnung vor allem ein Anlass, die eigene Identitätsarchitektur operativ zu überprüfen. Die entscheidende Frage ist nicht mehr, ob digitale Identitäten kommen. Entscheidend ist, welche Prozesse schon heute so vorbereitet werden, dass daraus später sichere, effiziente und praxistaugliche Anwendungen entstehen.

Über den Autor: Dr. Heinrich Grave ist Managing Director DACH bei Evrotrust Technologies. Dr. Grave ist ausgewiesener Experte für digitale Identitäten, KYC-Prozesse und digitale Geschäftsmodelle. Er besitzt langjährige operative und strategische Erfahrung in der digitalen Transformation von Geschäfts- und IT-Organisationen. Der promovierte Jurist und ausgebildete Banker hat mehr als 20 Jahre Erfahrung in digitaler Transformation, Strategieentwicklung und dem Management komplexer technologischer Initiativen – in der Finanzbranche, im FinTech-Umfeld sowie als Berater.

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