Möglichkeiten der künstlichen Intelligenz Das steckt hinter dem KI-Hype in der Cybersicherheit

Ein Gastbeitrag von Dr. Jens Schmidt-Sceery und Frank Brandenburg 4 min Lesedauer

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Die IT-Bedrohungslage für deutsche Unternehmen wird zunehmend komplexer. Immer häufiger wird Künstliche Intelligenz als die Lösung aller Probleme angepriesen. Doch ein genauerer Blick zeigt: KI kann zwar große Effizienzgewinne bewirken, ohne menschliche Expertise wird es aber auch in Zukunft nicht gehen.

KI ist kein Ersatz für ein mehrstufiges Sicherheitssystem, sondern kann dieses vielmehr sinnvoll ergänzen.(Bild:  IM Imagery - stock.adobe.com)
KI ist kein Ersatz für ein mehrstufiges Sicherheitssystem, sondern kann dieses vielmehr sinnvoll ergänzen.
(Bild: IM Imagery - stock.adobe.com)

Derzeit scheint in der Cybersicherheit kein Weg an Künstlicher Intelligenz vorbeizuführen. Hintergrund ist, dass sich deutsche Unternehmen einer wachsenden Zahl von Bedrohungen, die von Phishing-Versuchen bis zu komplexen Ransomware-Angriffen reichen, ausgesetzt sieht. Laut einer aktuellen Bitkom-Studie verursachten kriminelle Attacken im Jahr 2024 Schäden in Höhe von 266 Milliarden Euro – ein Großteil davon ist auf digitale Angriffe zurückzuführen. Die Hoffnung vieler Sicherheitsverantwortlicher ist groß, dass KI die IT-Sicherheit revolutionieren und nachhaltig verbessern wird. Jedes zweite deutsche Unternehmen sieht ohne den Einsatz von KI keine Chance, künftig angemessen auf Cyberangriffe reagieren zu können.

Status quo: Grenzen aktueller KI-Anwendungen

Der Hype ist also groß, doch eine nähere Analyse liefert schnell ein differenziertes Bild, welche Vorteile KI-Lösungen in der Cybersicherheit haben können. Aktuell kommen vor allem Systeme zum Einsatz, die Muster in großen Datensätzen analysieren und so treffsicher und schnell Anomalien aufspüren können. Solche Ansätze sind dem Machine Learning (ML) zuzuordnen. Algorithmen werden dabei auf Basis bestehender Datensätze trainiert. ML ist zwar ein Teilbereich von Künstlicher Intelligenz, ist aber bei Weitem nicht so umfassend wie eine hochentwickelte KI, die auf die Imitation kognitiver, menschlicher Fähigkeiten abzielt.

Das schränkt die Möglichkeiten derzeit eingesetzter KI-Systeme in der Cybersicherheit erheblich ein. Der Blick auf die aktuell häufig genutzten Angriffswege von Hackern verdeutlicht dies beispielhaft. Angreifer setzen nach wie vor auf Phishing und Social Engineering. KI-Systeme kommen vor allem zum Einsatz, um solche traditionellen Einfallswege zu optimieren: KI-Lösungen versetzen Hacker zum Beispiel in die Lage, noch glaubwürdigere und offiziell anmutende E-Mails zu erstellen.

Zum absoluten Gamechanger, der neue, kreative Angriffswege entwirft und aktuelle Sicherheitsarchitekturen durcheinanderwirbelt, hat sich KI für Hacker aber noch nicht entwickelt. Zur Wahrheit gehört vielmehr, dass klassische Ansätze zur Abwehr von Cyberattacken auch künftig unerlässlich bleiben werden. Sichere Passwörter, aktuelle Software und regelmäßige Mitarbeiterschulungen sind grundlegende Bausteine einer soliden IT-Sicherheit, die durch KI nicht ersetzt werden können.

Der Exkurs auf “die dunkle Seite” der Cybersicherheit zeigt: KI-Anwendungen verbessern bestehende Angriffswege. Um Unternehmen aber tatsächlich schaden zu können, ist nach wie vor die Kreativität von Hackern gefragt. Das gilt im Umkehrschluss auch für die Cybersicherheit von Firmen. Machine Learning kann helfen, schnell und effizient Anomalien aufzuspüren und Bedrohungslagen zu erkennen. Auf neuartige Herausforderungen können solche Systeme allerdings nicht reagieren, da ihnen dafür die Datengrundlage fehlt. Hier ist die menschliche Expertise von IT-Verantwortlichen unabdingbar, um im Schadensfall angemessen reagieren zu können.

Das Potenzial von KI: Ressourcenschonung und Effizienzsteigerung

Ist der Hype um KI in der Cybersicherheit also völlig unberechtigt? So weit sollte man nicht gehen, denn trotz der aktuellen Einschränkungen hat Künstliche Intelligenz großes Potenzial, die Arbeit von Cyber-Experten spürbar zu verändern. Das liegt vor allem daran, dass viele Schritte in aktuellen Sicherheitsstrukturen manuell durchgeführt werden und dadurch extrem zeitintensiv sind.

Analyseteams überwachen beispielsweise eine Vielzahl an eingehenden Warnmeldungen und müssen jedem Hinweis einzeln nachgehen. Hier kann KI große Verbesserungen bringen. Die oben angesprochenen ML-Systeme können auf die automatische Überwachung trainiert und optimiert werden, sodass sie Warnmeldungen automatisch richtig einordnen. Dies ermöglicht eine proaktive Überwachung der eigenen IT-Strukturen, die im besten Fall zu extrem verbesserten Reaktionszeiten im Schadensfall führt. Sollte es zu einem erfolgreichen Cyberangriff kommen, können KI-Lösungen auch hier unterstützen und schnell wichtige Daten liefern, die für eine effektive Schadensbegrenzung durch die Sicherheitsteams erforderlich sind.

Die potenziellen Effizienzgewinne durch den richtigen Einsatz von Machine Learning sind dadurch enorm. Gerade, dass Ressourcen von IT-Experten geschont werden, ist ein nicht zu unterschätzender Faktor. Der aktuelle Skills Gap Report von Fortinet verdeutlicht, wie stark der Fachkräftemangel sich auf die Branche auswirkt: 70 Prozent der globalen IT-Entscheidungsträger sagen, dass der Rückgang an Cybersecurity-Skills in ihren Organisationen neue Risiken mit sich bringt. KI kann hier nachhaltige Entlastung für Sicherheitsteams auf den Weg bringen und Firmen so sicherer machen.

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Unternehmen sollten deshalb strategisch an die Implementierung von KI herangehen und eine langfristige Digitalstrategie verfolgen. Dazu gehört nicht zuletzt, die rechtlichen Rahmenbedingungen, insbesondere in Bezug auf ethische Standards und Datenschutz, zu beachten und umzusetzen. Zudem sollten KI-Anwendungen in eine mehrstufige, durchdachte Sicherheitsstruktur eingebunden werden, statt als Allheilmittel bislang erprobte Maßnahmen zu ersetzen. Nur mit neuesten Technologien und qualifiziertem Personal, das geschult, in Prozesse eingebunden und eine Awareness für Cybersicherheit entwickelt, kann KI erfolgreich in die Sicherheitsarchitektur integriert werden.

Fazit: Die richtige Balance ist entscheidend

Auch in Zukunft wird es auf die richtige Mischung aus technischen Innovationen, durchdachten Prozessen und menschlicher Expertise ankommen. KI ist kein Ersatz für ein mehrstufiges Sicherheitssystem, sondern kann dieses vielmehr sinnvoll ergänzen. Unternehmen sind deshalb gut beraten, in neueste Lösungen zu investieren und diese in eine umfassende Strategie einzubinden. Richtig umgesetzt, bietet Künstliche Intelligenz viel Potenzial zur Effizienzsteigerung und kann vor allem Ressourcen in oft überlasteten Sicherheitsteams schonen.

Über die Autoren

Dr. Jens Schmidt-Sceery ist Partner bei Pava Partners, einer der führenden M&A- und Debt Advisory-Beratungen für technologiegetriebene und dynamisch wachsende mittelständische Unternehmen. Er ist ausgewiesener Kenner des Bereichs Cybersecurity, in dem er bereits mehrere Transaktionen begleitete. Schmidt-Sceery studierte Volkswirtschaftslehre mit Schwerpunkt Ökonometrie an der Freien Universität Berlin. Er promovierte an der Europa-Universität Viadrina sowie der Tel Aviv University und war im Anschluss Research Fellow an der Georgetown University.

Frank Brandenburg ist Senior Advisor bei Pava Partners und u. a. Chairman von DataExpert, einem auf die Cybercrime-Bekämpfung spezialisiertes Unternehmen. Er hat 27 Jahre Erfahrung in verschiedenen Funktionen als Führungskraft in europäischen und US-amerikanischen Unternehmen. Eines seiner Spezialgebiete ist die Unterstützung von europäischen Start-ups bei der Skalierung.

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