2026 schrumpfen die Exploit-Fenster auf Stunden, denn Angreifer verknüpfen Supply-Chain-Manipulationen mit der Übernahme exponierter Edge-Geräte und veralteter Systeme. Wer vorbereitet sein will, reduziert implizites Vertrauen, segmentiert Management-Interfaces, setzt auf überprüfbare Provenienz mit Signaturen und beschleunigt Patches sowie Containment.
2026 verknüpfen Angreifer kompromittierte Software-Lieferketten mit der Übernahme exponierter Edge-Geräte. Verkürzte Exploit-Fenster machen Segmentierung, überprüfbare Provenienz und schnelle Patches zentral.
Das Jahr 2025 markierte einen Wendepunkt in der Entwicklung moderner Cyberbedrohungen. Während Angriffe auf Software-Lieferketten bereits in den Vorjahren an Bedeutung gewannen, zeigte sich nun eine deutliche Verflechtung dieser Angriffsform mit der systematischen Kompromittierung internetexponierter Edge-Geräte. Auffällig ist die strategische Klarheit, mit der Angreifer das Vertrauen in Maintainer-Identitäten, CI/CD-Pipelines sowie Management-Interfaces kritischer Netzwerkkomponenten missbrauchen. Besonders schwerwiegend ist die rasante Verkürzung des Zeitfensters, das Verteidigern für Patching, Containment und Incident Response bleibt. Was früher Tage oder Wochen umfasste, misst sich inzwischen in Stunden.
Angriffsvektoren: Software-Lieferketten, Edge-Geräte und End-of-Life-Systeme
In den zurückliegenden sechs Monaten ließen sich drei wesentliche Angriffsvektoren beobachten, die oft nicht isoliert auftreten, sondern sich gegenseitig verstärken. Erstens rückten erneut kompromittierte Software-Lieferketten in den Mittelpunkt. Angriffe auf NPM-Pakete mit globaler Reichweite verdeutlichten, wie einfach gestohlene Maintainer-Zugangsdaten oder übernommene Accounts ausreichen, um Schadcode in legitime Artefakte einzuschleusen. Die breite Nutzung dieser Pakete sorgt dafür, dass sich manipulierte Module unbemerkt über Build-Prozesse und Deployment-Pipelines verbreiten und häufig erst Wochen später entdeckt werden. Die schiere Komplexität moderner Abhängigkeitsstrukturen erschwert eine nachträgliche Analyse erheblich.
Zusätzlich zeigte sich die Verwundbarkeit moderner Edge-Geräte und deren Management-Interfaces in bisher nicht gekanntem Ausmaß. Kritische Zero-Day-Lücken in Citrix NetScaler, Cisco Secure Firewall Management Center und Fortinet FortiWeb wurden unmittelbar nach ihrer Veröffentlichung massenhaft ausgenutzt. Die Geräte agieren an neuralgischen Punkten des Netzwerkes und bieten Angreifern nach erfolgreicher Kompromittierung nicht nur privilegierten Zugriff, sondern oftmals auch eine stabile Basis für Persistenz und laterale Bewegung. Was besonders beunruhigt, ist der Grad der Automatisierung, mit dem Exploits mittlerweile operativ werden: globale Scans, sofortige Kategorisierung verwundbarer Systeme und hochgradig industrialisierte Angriffsketten sind längst Standard.
Der dritte dominante Vektor betrifft End-of-Life-Systeme, die trotz bekannter Risiken weiterhin produktiv oder zumindest erreichbar betrieben werden. Viele Organisationen verlieren den Überblick über veraltete Appliances oder Schatten-IT-Komponenten, die über Jahre hinweg ungepatcht im Netz verbleiben. Diese Systeme sind ein bevorzugtes Ziel automatisierter Angriffe, da sie sich ohne größeren Aufwand in Botnetze integrieren lassen und den Angreifern stabile Infrastruktur für DDoS-Dienste, Proxy-Ketten oder erste Zugriffe auf Unternehmensnetzwerke bieten. Die Kombination aus fehlenden Sicherheitsupdates, hoher Exponierung und geringer Überwachung macht sie zu einem idealen Angriffspunkt.
Die Geschwindigkeit, mit der Bedrohungsakteure heute Schwachstellen operationalisieren, zeigt strukturelle Veränderungen in der Angriffsökonomie. Die Zeitspanne zwischen Disclosure und aktiver Ausnutzung hat sich so stark verkürzt, dass reaktive Maßnahmen kaum noch ausreichen. Angreifer setzen auf automatisierte Erkennungsmechanismen, die weltweit nach verwundbaren Systemen suchen, und kombinieren diese mit skalierbaren Exploit-Frameworks. Parallel wächst der informelle Markt für kompromittierte Edge-Geräte, die als handelbare Ware in kriminellen Ökosystemen genutzt werden. Damit verschiebt sich auch für Verteidiger die Priorität: Vorbereitung und Prävention werden zu entscheidenden Faktoren, während Ad-hoc-Reaktionen zunehmend ins Leere laufen.
Der Ausblick auf das Jahr 2026 lässt keinen Zweifel daran, dass sich diese Entwicklungen weiter verstärken werden. Supply-Chain-Angriffe werden zunehmend industrialisiert, etwa durch generative Manipulation von Metadaten oder automatisierte Übernahmen verwaister Maintainer-Konten. Die Zeit bis zur Ausnutzung kritischer Zero-Day-Schwachstellen wird weiter schrumpfen, während Botnetze aus kompromittierten Edge-Geräten ihre Rolle als universeller Angriffsmultiplikator ausbauen. Gleichzeitig werden Identitäts- und Infrastrukturangriffe sich stärker verweben und hybride Kampagnen ermöglichen, die weite Teile einer digitalen Lieferkette gleichzeitig betreffen.
Aus dieser Entwicklung ergeben sich für 2026 drei zentral priorisierte Maßnahmen, die unverzichtbar sind. Erstens müssen Organisationen ihre Vertrauensannahmen im Perimeter radikal hinterfragen. Edge-Geräte dürfen nicht länger als „trusted by default“ gelten, ihre Management-Interfaces müssen streng segmentiert und vor direkter Exponierung geschützt werden. Alte oder abgekündigte Systeme sollten nicht länger geduldet, sondern konsequent entfernt oder ersetzt werden. Jede Form impliziten Vertrauens – ob in Geräte, Identitäten oder Protokolle – vergrößert die Angriffsfläche erheblich.
Zweitens ist die Etablierung überprüfbarer Software-Lieferketten essenziell. Artefakte, Pakete und Container benötigen durchgängige Signaturen sowie nachvollziehbare Provenienz, die den gesamten Erstellungsprozess abbildet. Moderne Build-Prozesse müssen so gestaltet sein, dass Manipulationen sofort sichtbar werden, und Entwicklungsteams brauchen Werkzeuge und Schulungen, um Risiken in Abhängigkeiten frühzeitig zu erkennen. Die Integration von Standards wie SLSA bietet Unternehmen einen strukturierten Rahmen, um sowohl Transparenz als auch Kontrolle über die eigene Softwarebasis zu erhöhen.
Stand: 08.12.2025
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Drittens müssen Patch- und Containment-Prozesse auf eine Geschwindigkeit optimiert werden, die dem realen Bedrohungsniveau entspricht. Organisationen benötigen Strukturen, die es ermöglichen, kritische Updates innerhalb von Stunden, nicht Tagen, auf Edge-Geräte auszurollen. Gleiches gilt für vorbereitete Runbooks und automatisierte Isolationsmechanismen, die es erlauben, kompromittierte Systeme sofort aus dem Netzwerk zu entfernen, bevor Angreifer sich weiter ausbreiten können. Schnelligkeit ist in dieser neuen Realität kein operatives Nice-to-have, sondern ein entscheidendes Sicherheitsmerkmal.
Organisationen brauchen eine Sicherheitsstrategie, die nicht länger einzelne Teilaspekte adressiert, sondern Identitätsmanagement, Lieferkettensicherheit und Edge-Härtung als zusammenhängende Disziplinen begreift. Nur wer Vertrauen technisch überprüfbar macht, Angriffsflächen an der Peripherie reduziert und seine Softwareproduktionsprozesse belastbar absichert, wird der zunehmenden Komplexität und Geschwindigkeit moderner Bedrohungen gewachsen sein. Ganzheitliche Resilienz ist damit keine Vision, sondern eine Voraussetzung für das Überleben in einer zunehmend verwundbaren digitalen Welt.
Über den Autor: Julien Reisdorffer ist Vice President Managed Detection & Response bei der aDvens GmbH und verantwortet dort die Bereiche Incident Response, Digitale Forensik und Cyber Threat Intelligence. Mit über 20 Jahren Berufserfahrung – unter anderem bei Microsoft, Mandiant und SentinelOne – spricht er regelmäßig bei Fachveranstaltungen zu Themen wie Threat Detection, Incident Response oder Cyber-Resilienz.