Drangeschraubt ist kaputt 7 unbequeme Wahrheiten über Netzwerksicherheit

Ein Gastbeitrag von Axel Simon 6 min Lesedauer

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IT-Sicherheit lässt sich nicht nachträglich auf ein Netzwerk schrauben. Es braucht integrierte Sicherheitsarchitekturen, die Angriffe begrenzen, vernetzte Geräte automatisch absichern und schnelle Wiederanläufe ermöglichen.

Wirksame Netzwerksicherheit entsteht, wenn Zugriffskontrollen, Segmentierung und Überwachung von Anfang an in die Architektur integriert sind.(Bild:  KI-generiert)
Wirksame Netzwerksicherheit entsteht, wenn Zugriffskontrollen, Segmentierung und Überwachung von Anfang an in die Architektur integriert sind.
(Bild: KI-generiert)

Kürzlich bin ich auf eine Phishing-Mail hereingefallen. Wir hatten gerade intern mehrere neue KI-Tools eingeführt, mit diversen Trainings und Einweisungen. In diesen Strom passte eine Mail, die mich an ein „verpflichtendes KI-Training“ mit Frist erinnerte, nahtlos hinein. Klick. Es war eine fingierte Mail unserer eigenen Cybersecurity-Abteilung. Ich bin seit über 30 Jahren im Netzwerk- und Security-Bereich. Und offenbar bin auch ich nicht davor gefeit, auf genau die Tricks hereinzufallen, vor denen ich andere warne. Entscheidend ist, was nach dem Klick geschieht. Daran lässt sich ablesen, ob die Sicherheitsarchitektur einer Organisation trägt oder nur auf dem Papier steht. Davon handelt dieser Text.

1. Erst das Organigramm, dann der IT-Etat

Netzwerk hier, Security dort: In vielen Behörden und Kliniken sind die beiden noch getrennte Welten. Der Netzwerker sagt: „Eine Security-Policy konfiguriert nicht mein Netzwerk.“ Der Security-Mitarbeiter sagt: „Sicherheit ist ein Overlay, das hat mit dem Netzwerk nichts zu tun.“ Beide Sichtweisen greifen zu kurz.

Nicht jeder Angriff beginnt im Netzwerk, aber fast jeder nutzt es, um sich auszubreiten. Das Netzwerk muss deshalb das Bollwerk sein, an dem ein Angriff scheitert. Die Sicherheit muss ins Netzwerk hinein, nicht darauf geschraubt werden.

Intern formulieren wir das so: „If it's bolted on, it's broken.“ Solange Security als nachgelagerter Schritt behandelt wird (eigenes Team, eigenes Budget, eigene Prioritäten), bleibt sie reaktiv. Wer Cyberresilienz ernst meint, muss zuerst das Organigramm anfassen, dann den IT-Etat.

2. Das N in NIS steht für Netzwerk

NIS2 wird vor allem als Compliance-Pflicht diskutiert: Wer fällt darunter? Welche Bußgelder drohen? Das ist die falsche Perspektive. Interessanter ist, was NIS eigentlich heißt: Netzwerk- und Informationssicherheit. Schon der Name der Richtlinie formuliert die Kernthese: Netzwerk und Sicherheit gehören zusammen.

Seit Dezember 2025 ist das NIS2-Umsetzungsgesetz in Kraft. Was dort an technischen Maßnahmen steht – Risikomanagement, Meldepflichten, Notfallpläne – ist nicht revolutionär, sondern das Minimum dessen, was jede Organisation tun sollte.

Das NIS2-Bundesgesetz gilt nicht für die kommunale Kernverwaltung. Das heißt nicht, dass die Inhalte dort irrelevant wären. Wer gar nichts unternimmt, weil NIS-2 für ihn nicht gilt, wird zur Zielscheibe.

Laut unserem eigenen HPE Threat Lab richtete sich im Jahr 2025 nahezu jede vierte koordinierte Angriffskampagne gegen Behörden, häufiger als gegen jede andere Branche. Die Angreifer suchen sich ihre Opfer nicht manuell aus: im Hintergrund scannen automatisierte Werkzeuge nach offenen Flanken, rund um die Uhr. Die Gruppierung „NoName057(16)“ etwa attackierte systematisch die Webportale von Stuttgart, Berlin und Dresden; letzten Sommer traf ein DDoS-Angriff über 30 Kommunen in Sachsen-Anhalt und Thüringen gleichzeitig.

3. Die Wiederanlaufzeit ist entscheidend

Kein System ist unverwundbar. Wer das akzeptiert, stellt die richtige Frage: Wie schnell bin ich nach einem erfolgreichen Angriff wieder handlungsfähig? Ludwigshafen hat im November 2025 gezeigt, wie die Antwort selbst im besten Fall aussieht: Als die IT-Überwachung der Stadt­verwaltung einen unbefugten Zugriff erkannte, wurde die gesamte Infrastruktur präventiv heruntergefahren. Bilderbuchreaktion. Trotzdem war die 177.000-Einwohner-Stadt danach fast drei Wochen lang weder per E-Mail noch telefonisch erreichbar, Kfz-Zulassung, Bürgerbüros und Sozialleistungen liefen nur im Notbetrieb. Wenn das der Preis einer schnellen Reaktion ist, lässt sich erahnen, was Organisationen erwartet, die einen Angriff erst nach Monaten bemerken.

Resilienz erfordert dreierlei:

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  • 1. Die kritischen Prozesse und Daten kennen und priorisieren.
  • 2. Wiederanlaufprozesse definieren, inklusive Backup-Wiederherstellung aus einem vom Netzwerk getrennten Datentresor.
  • 3. Diese Prozesse regelmäßig üben. Ein Notfallplan, der in der Schublade liegt und nie geprobt wurde, ist kein Notfallplan.

Schließlich gehört zur Resilienz auch die Ursachenanalyse. Wie kam der Angriff ins Netz, und wie lässt sich dieser Weg verschließen? Zero Trust liefert das passende Konzept: Kein Zugriff ohne Prüfung.

4. Ihre Klimaanlage ist ein Sicherheitsrisiko

In Krankenhäusern, Rathäusern und Schulen hängen längst nicht mehr nur PCs und Drucker am Netzwerk, sondern Überwachungskameras, Klimasteuerungen, Zutrittssysteme und medizinische Geräte. Hinzu kommen OT-Systeme, die Kläranlagen, die Wasserversorgung oder Schulheizungen steuern. All diese Geräte haben eines gemeinsam: Ihre Hersteller denken nicht in IT-Sicherheitskategorien. Und dem Haustechniker, der eine neue Klimasteuerung anschließt, ist kein IT-Pflichtenheft zumutbar.

Deshalb braucht das Netzwerk Intelligenz. Ein modernes Netzwerk erkennt automatisch, was für ein Gerät sich verbindet und weist ihm passende Zugriffsrechte zu. Eine Kamera darf mit dem Aufzeichnungssystem kommunizieren, nicht mit dem Internet. Tut sie es trotzdem, etwa weil sie kompromittiert wurde und große Datenmengen in ungewöhnliche Zielländer sendet, erkennt das System die Abweichung und isoliert das Gerät. Diese dynamische Segmentierung und Verhaltensanalyse funktioniert ohne manuellen Eingriff. Das ist keine Zukunftsmusik, sondern Stand der Technik.

5. Phishing besiegen Sie nicht durch Schulungen, aber ohne sie auch nicht

KI-generierte Phishing-Mails sind heute sprachlich und visuell kaum noch von legitimen Nachrichten zu unterscheiden. Kein Schulungsprogramm garantiert eine Trefferquote von null. Das ist keine Frage der Disziplin, sondern der Statistik: Bei tausenden Mails pro Woche genügt ein einziger Treffer.

Drei Dinge helfen:

  • 1. Schulungen, die nicht auf Perfektion zielen, sondern auf Reaktionsgeschwindigkeit. Wer geklickt hat, muss das sofort melden können, und zwar sanktionsfrei. Schnelle Eindämmung ist wichtiger als Schuldzuweisung.
  • 2. Ein Netzwerk, das den Klick abfedert. Eine Zero-Trust-Architektur behandelt jeden Zugriff als potenziell kompromittiert: kein Nutzer, kein Gerät gilt pauschal als vertrauenswürdig. Jeder Zugriff wird geprüft, und wer sich authentifiziert hat, erhält nur die tatsächlich benötigten Zugriffsrechte. Nicht mehr. Was Nutzer nicht erreichen können, können Angreifer nicht kompromittieren.
  • 3. Automatisierte Erkennung anomaler Muster, etwa wenn ein Arbeitsplatzrechner plötzlich abweichende Kommunikationsmuster an den Tag legt.

Selbst wenn Malware auf einem Rechner landet, verhindert Mikrosegmentierung, dass sie sich durchs Netz ausbreitet. Das Netzwerk sieht, was der Nutzer nicht sieht.

6. Fachkräftemangel ist kein Alibi, er ist das Argument für Automatisierung

600.000 Beschäftigte fehlen im öffentlichen Dienst. Zugleich sind 1,4 Millionen Beschäftigte, mehr als jeder vierte, über 55 Jahre alt. IT-Fachkräfte sind dabei auf dem Arbeitsmarkt kaum zu finden. Dieser Mangel wird oft als Erklärung angeführt, warum Sicherheitsmaßnahmen nicht umgesetzt werden. Tatsächlich ist er das stärkste Argument für einen höheren Automatisierungsgrad im Netzwerkbetrieb.

Wenn das Netzwerk dem Administrator meldet: „In Gebäude C, zweiter Stock, ist die WLAN-Abdeckung unzureichend. Die Sendeleistung der Access Points reicht nicht aus. Soll ich die Konfiguration anpassen?“, spart das Stunden manueller Fehlersuche. Wenn es Geräte automatisch erkennt, klassifiziert und absichert, entlastet das ein Team, das ohnehin unterbesetzt ist.

Und die Sorge, KI könnte ITler überflüssig machen, ist in der Verwaltung unbegründet. Hier wird kein ITler arbeitslos, weil das Netzwerk eine Klimaanlage automatisch ins richtige Segment einordnet. Im Gegenteil: Automatisierung macht die verbleibende Arbeit wertvoller, weil sich die Fachleute auf Ausnahmen und Strategie konzentrieren können statt auf Routinediagnosen.

7. Technik muss mit Ihrem Reifegrad mitwachsen

Verwaltungen können den manuellen Netzwerkbetrieb überspringen und direkt in auto­matisierbare Infrastruktur investieren. Das klingt wie ein großer Sprung, ist aber keiner: Moderne Netzwerksysteme lassen sich dem Reifegrad der Organisation anpassen. Man kann manuell starten und die Automatisierung schrittweise hochfahren.

Das Stichwort heißt Investitionssicherheit. Öffentliche Einrichtungen arbeiten mit Haus­haltsmitteln und Vergabezyklen. Wenn der Topf ausgegeben ist und sich die Bedrohungslage ändert, ist es zu spät. Deshalb lohnt es sich, heute in Technik zu investieren, die morgen mehr kann, als man ihr heute zumutet.

Wer nicht genug eigenes Personal hat, sollte prüfen, ob ein Managed-Service-Modell über einen kommunalen IT-Dienstleister in Frage kommt. Betrieb delegieren heißt nicht, Kontrolle abgeben. Aber allein ist es für die meisten Kommunen schlicht nicht mehr zu schaffen.

Über den Autor: Axel Simon ist Chief Technologist bei HPE Networking.

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