Stimmen zum europäischen Datenschutztag 2024 Europas Datenschutz im Zeitalter eskalierender Cyberkriminalität

Von Peter Schmitz 6 min Lesedauer

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Am Europäischen Datenschutztag steht die zunehmende Gefahr durch Cyber-Kriminalität im Mittelpunkt. Mit täglich 21.000 infizierten IT-Systemen in Deutschland und wirtschaftlichen Schäden von 200 Milliarden Euro jährlich schlägt das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik Alarm. Experten diskutieren die Rolle von Künstlicher Intelligenz bei der Abwehr und betonen die Notwendigkeit von Datenhoheit und fortschrittlichen Schutzmaßnahmen.

Zum europäischen Datenschutztag geben Experten verschiedener Unternehmen Einschätzungen und Ratschläge zum Thema Datenschutz und DGVO-Compliance.(Bild:  Stockwerk-Fotodesign - stock.adobe.com)
Zum europäischen Datenschutztag geben Experten verschiedener Unternehmen Einschätzungen und Ratschläge zum Thema Datenschutz und DGVO-Compliance.
(Bild: Stockwerk-Fotodesign - stock.adobe.com)

Rund 21.000 infizierte Informationstechniksysteme wurden 2023 täglich durch das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI) gemeldet. Claudia Plattner, Präsidentin des BSI und Verantwortliche für die Cyber-Sicherheit in Deutschland, schlägt Alarm: Angesichts des rapiden Anstiegs von Hacker-Angriffen auf Computersysteme warnt sie vor beunruhigenden Schwachstellen, hochqualifizierten Angreifern und wirtschaftlichen Schäden in Höhe von 200 Milliarden Euro jährlich allein für die deutsche Wirtschaft. Die Angriffe erfolgen häufig automatisiert durch Künstliche Intelligenz. In Sicherheit könne sich nun niemand mehr wiegen.

Wie geht die Tech-Branche in Deutschland mit dieser Bedrohung um? Zum Anlass des europäischen Datenschutztags am Sonntag, den 28. Januar 2024 geben verschiedene Unternehmen Einschätzungen und Ratschläge zum Thema Datenschutz und DGVO-Compliance.

Wendepunkt Künstliche Intelligenz

Plattner benennt Künstliche Intelligenz als einen der Gründe für die steigende Gefährlichkeit von Cyberangriffen. Die KI ist Fluch und Segen zugleich, weiß Lukas Rintelen, Managing Director und Mitgründer, Tucan.ai: „Die wachsende Bedrohung durch Datenschutzverletzungen in Verbindung mit KI-Lösungen unterstreicht die Dringlichkeit für europäische Unternehmen, sich als vertrauenswürdige Anbieter zu positionieren. Die Einhaltung der EU-Datenschutzbestimmungen kann zu einem klaren Wettbewerbsvorteil für europäische Unternehmen werden, insbesondere wenn es um den Schutz hochsensibler Daten geht. Parallel dazu gewinnt die Expertise in KI- und Infrastrukturfragen innerhalb einer Organisation an allgemeiner Bedeutung. Diese ist zentral für den Aufbau sicherer Datenströme und für den optimalen Einsatz von KI, um eine KI-fähige und datenschutzkonforme Organisation zu werden.“

Datenhoheit wichtiger denn je

Laut Alexander Wallner, CEO von plusserver, muss die Frage, wo die Daten abgespeichert werden, an erster Stelle stehen: „Datenschutz ist in Europa vor allem eine Frage von Datenhoheit und diese ist nicht verhandelbar. Durch die wachsende Bedeutung von Künstlicher Intelligenz erreicht Datenhoheit einen noch höheren Stellenwert. Hier braucht es Angebote, die KI konsumierbar machen und gleichzeitig die Sicherheit der Daten sowie des geistigen Eigentums gewährleisten. Die Nachfrage von Unternehmen und dem öffentlichen Sektor nach eben diesen Lösungen ist hoch. Wir sind davon überzeugt, dass sich am Ende die KI durchsetzen wird, die für Anwender und Anwenderinnen am besten funktioniert. Das ist im Unternehmenskontext die KI, die mit Unternehmensdaten arbeitet und die Aspekte Datenschutz, -sicherheit und Rechtsraumsicherheit gewährleistet.“

Statt einer zentralen Infrastruktur brauche es mehr Flexibilität und ein Netzwerk aus verschiedenen Anbietern, die sich gegenseitig kontrollieren können. Dr. Kai Wawrzinek, CEO & Co-Founder von Impossible Cloud sagt: „Wir stehen an einem entscheidenden Wendepunkt in Bezug auf die Erstellung, Verwaltung und den Schutz von Daten. Angesichts der globalen Fortschritte im Bereich KI und der kompletten Digitalisierung unserer Welt sind unsere traditionellen Methoden zur Datenspeicherung weder ausreichend sicher noch skalierbar. Zudem ist es die Grundlage unserer Wettbewerbsfähigkeit und das Recht jedes Einzelnen, die Datenhoheit wiederherzustellen. Dies erfordert eine kritische Neubewertung: Ist es vernünftig, unsere Daten einer begrenzten Anzahl von Betreibern und ihren zentralisierten Infrastrukturen anzuvertrauen? Eine robustere und nachhaltigere Lösung liegt in dezentralen Infrastrukturen (DePIN). In diesem Modell ist die Verantwortung für die Aufrechterhaltung einer flexiblen Infrastruktur verteilt, und wichtige Kontrollmechanismen wie Datenhoheit und Speicherorte sind inhärenter Teil der Architektur. DePIN hat das einzigartige Potenzial, den Datenschutz zu revolutionieren. Es überträgt die Kontrolle von einer Handvoll marktbeherrschender Unternehmen auf ein weit verteiltes, flexibles Netzwerk von Anbietern, sicher, redundant und koordiniert von Protokollen, die den Datenschutz von Grund auf priorisieren.“

Datenschutz nach außen und innen

Nicht zuletzt durch KI entwickeln sich die Maschen von Betrügern und Cyberangriffen immer schneller weiter. Jetzt heißt es, einen Schritt voraus zu sein und sich nicht nur gut zu informieren, sondern auch vorzubereiten. Dr. Oliver Mauss, CEO der netgo group, hält das für die wichtigste Maßnahme: „Um der steigenden Bedrohungslage im Bereich Datensicherheit entgegentreten zu können, müssen Unternehmen auf den Ernstfall vorbereitet sein. Über IT-Sicherheitskonzepte und Notfallpläne darf nicht erst am Tag des Angriffs nachgedacht werden. Wichtige Elemente einer solchen Strategie sind sichere Zugangsmechanismen, leistungsfähige Detection & Response Verfahren, und vor allem ein vollständiges Backup-Konzept. Die Auslagerung von Backups in Cloud-Umgebungen von spezialisierten IT-Dienstleistern schützt dabei vor Datenverlusten.“

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Dabei sollten sowohl externe als auch interne Faktoren bedacht werden: „Daten gehören heute zu den wertvollsten Wirtschaftsgütern. Unternehmen denken dabei vornehmlich an ihre Kunden- oder Marktdaten und weniger an den Datenschatz, der bereits in ihrer Belegschaft liegt. Feedback aus dem Team, interne Umfrageergebnisse, Aufzeichnungen aus Entwicklungsgesprächen – all das sind Daten, die nicht nur das Potential haben, die Zufriedenheit und Bindung der Mitarbeitenden zu fördern. Kombiniert mit gezielten Maßnahmen können internen Daten die Wirtschaftlichkeit und Produktivität im Unternehmen signifikant steigern. Datenschutz erhält hier eine emotionale Komponente: Mitarbeitende können nur dann ehrliches Feedback geben, wenn sie auf den sicheren Umgang mit ihren Daten vertrauen können. Rollenbezogene Zugriffsrechte und dass sensible Daten – wie Religionszugehörigkeit oder Ethnie – gar nicht erst erfasst werden, können dazu beisteuern. Heute braucht es also nicht nur schnelle und intelligente Datenschutzsysteme, die vor externen Cyberangriffen schützen, sondern vor allem sensibilisierte Führungskräfte und einen vertrauensvollen Umgang mit internen Daten“, sagt Volker Grümmer, Geschäftsführer von Effectory Deutschland.

Datenschutz und personelle Entscheidungen stehen in einer Wechselwirkung. Denn Mitarbeitende sorgen nicht nur für Datensicherheit, auch auf sie persönlich kann Datenschutz einen entscheidenden Einfluss nehmen. Das beginnt schon im Einstellungsprozess, weiß Robby Perdue, Group Product Manager von Greenhouse Software: „Die Bedeutung von Softwarelösungen im Bereich der Personalbeschaffung steigt stetig. Sie entlasten nicht nur Recruiting-Teams, sondern optimieren auch die Candidate Journey, um Absprungraten im Bewerbungsprozess zu minimieren. 2024 wird der Einsatz von KI in Einstellungsprozessen stärker reguliert. Unternehmen müssen KI-gesteuerte Prozesse transparent offenlegen, um Fairness sicherzustellen. Für Personalmanagerer bedeutet dies, klare Leitprinzipien für die Datenerfassung und -verarbeitung durch KI festzulegen. Besondere Aufmerksamkeit ist der Verwaltung und dem Schutz großer Datenmengen zu widmen, was einen klar definierten internen Datenerfassungsprozess erfordert. Die Einführung strukturierter Einstellungsprozesse, die nur relevante Daten einbeziehen, ist nicht nur zur Vermeidung von Voreingenommenheiten, sondern auch in Zeiten des technologischen Wandels unverzichtbar.“

Fachkräfte als wichtiger Schlüssel

Mitarbeitende stehen beim Schutz von Daten und der DSGVO-konformität im Fokus, weiß auch Philipp von Bülow, CEO von lawpilots: „KI-basierte Technologien definieren die Landschaft der digitalen Sicherheit neu und konfrontieren uns mit einer neuen Welle technologisch fortgeschrittener Bedrohungen. Diese Herausforderungen stellen unsere herkömmlichen Security-Ansätze auf die Probe, denn auch Cyberkriminelle nutzen diese fortschrittlichen Technologien, um IT-Sicherheitssysteme zu durchbrechen und sensible Daten zu kompromittieren. Entscheidend ist, dass unsere Abwehrstrategien mit der Geschwindigkeit dieser Entwicklungen Schritt halten. Eine Antwort darauf liegt in der kontinuierlichen Weiterbildung und Sensibilisierung der Mitarbeitenden. Es geht darum, jeden Einzelnen hin zu Cyberhelden und Cyberheldinnen zu trainieren, die fähig sind, die subtilsten Anzeichen eines Angriffs zu erkennen und entsprechend zu handeln. Wir müssen die Mentalität von ‘leichter Beute’ zu 'wachsamen Wächtern' unserer eigenen Daten und Systeme wandeln.“

Jeder Mitarbeitende kann zu einem höheren Datenschutz beitragen, doch den Grundstein für sichere Systeme und ausgeklügelte Abwehrmechanismen legen immer noch eine Berufsgruppe: IT-Experten und IT-Expertinnen. Im Angesicht der ständig wachsenden Cyberbedrohungen durch KI, Deep Fakes, Ransomware und ausgefeilte Phishing-Attacken müssen sich Unternehmen jetzt auf diese Fachexpertise konzentrieren – so sagt Thorsten Mücke, Experte für IT-Kompetenzentwicklung bei der Haufe Akademie „Es ist wichtiger denn je, dass IT-Profis auf dem neuesten Stand der Sicherheitstechnologie sind. Cyberangriffe werden immer komplexer. Mehr als 40 Prozent der Unternehmen in Deutschland sehen sich dem Risiko eines Cyberangriffs ausgesetzt – und sehen dies als größte Herausforderung der nächsten Jahre. Dieser angemessen zu begegnen, erfordert sowohl ein tiefes Verständnis als auch eine präzise Implementierung von IT-Sicherheitsmaßnahmen. Die beste Verteidigung gegen diese Bedrohungen ist eine profunde Cyberresilienz – gewährleistet durch qualifiziertes IT-Sicherheitspersonal. Doch nur wenn sich IT-Profis kontinuierlich weiterbilden und ihre Kenntnisse ständig weiterentwickeln, können sie resilientere Systeme schaffen, Angriffe abwehren und negativen Folgen von erfolgreichen Angriffen entgegenwirken. Unternehmen können ihre IT-Experten und IT-Expertinnen mit einer ganzheitlichen und nachhaltigen Weiterbildungsstrategie maßgeblich dabei unterstützen, die richtigen Skills zu erlangen und so die IT-Abwehr zu professionalisieren.“

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