KI verändert die Sicherheitsarchitektur grundlegend KI als Prüfstein für die IT-Sicherheit der Zukunft

Ein Gastbeitrag von Prof. Norbert Pohlmann 4 min Lesedauer

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Künstliche Intelligenz prägt die Zukunft der Cybersicherheit – als Risiko und als Chance. Sie verändert, wie Unternehmen Angriffe erkennen, Risiken bewerten und Resilienz aufbauen. Entscheidend wird, ob KI verantwortungsvoll eingesetzt wird – und ob Organisationen bereit sind, ihre Sicherheitsarchitektur an diese neue Realität anzupassen.

Künstliche Intelligenz wird auch für deutsche Unternehmen zum Prüfstein moderner IT-Sicherheit. Es gilt die KI zwischen Automatisierung, Verantwortung und digitaler Resilienz auszubalancieren.(Bild: ©  png-jpeg-vector - stock.adobe.com)
Künstliche Intelligenz wird auch für deutsche Unternehmen zum Prüfstein moderner IT-Sicherheit. Es gilt die KI zwischen Automatisierung, Verantwortung und digitaler Resilienz auszubalancieren.
(Bild: © png-jpeg-vector - stock.adobe.com)

Künstliche Intelligenz verändert die Sicherheitslandschaft – schneller, tiefgreifender und widersprüchlicher als jede Technologie zuvor. Sie kann Angriffe verstärken oder verhindern, Risiken vergrößern oder minimieren. Entscheidend ist, wie verantwortungsvoll Unternehmen sie einsetzen und wie widerstandsfähig sie dabei werden.

KI verändert Angriff und Abwehr

Künstliche Intelligenz (KI) wird heute bereits in unterschiedlichen Anwendungsbereichen in den Unternehmen eingesetzt, zum Beispiel zur Steuerung von Prozessen, zum Analysieren von Datenströme oder zur Optimierung von Lieferketten. Sie ist dadurch teilweise selbst zum Bestandteil kritischer Infrastrukturen vieler Unternehmen geworden.

Doch mit der steigenden Abhängigkeit wächst auch die Angriffsfläche. Cyberkriminelle nutzen KI, um Phishing-Kampagnen zu perfektionieren, Deepfakes zu erzeugen oder Schadsoftware automatisch an Sicherheitsmechanismen anzupassen. Über 90 Prozent der IT-Sicherheitsverantwortlichen in deutschen Unternehmen gehen davon aus, dass KI die Bedrohungslage insgesamt verschärfen wird, wie aus der aktuellen IT-Sicherheitsumfrage des eco – Verband der Internetwirtschaft e.V. hervorgeht.

Gleichzeitig wird KI auf Seiten der Verteidigung zu einer immer wichtigeren Waffe. Rund 40 Prozent der befragten Unternehmen setzen sie bereits aktiv in der IT-Sicherheit ein – etwa bei der Anomalieerkennung, der Musteranalyse in Logdaten oder der automatisierten Incident Response. Diese Entwicklung verschiebt die Sicherheitsstrategie von reaktiver Abwehr hin zu vorausschauender Resilienz: KI erkennt, was Menschen nicht mehr überblicken können – aber nur, wenn sie verantwortungsvoll eingesetzt wird.

Resilienz schlägt Reaktion

Die Komplexität moderner IT-Landschaften hat gezeigt, dass reine Reaktion nicht mehr ausreicht. Gefragt sind Strukturen, die Angriffe nicht nur abwehren, sondern auch überstehen können. Cyberresilienz ist deshalb zum Leitbegriff der Sicherheitsstrategien geworden.

Jedes sechste der befragten Unternehmen war in den vergangenen zwölf Monaten von mindestens einem gravierenden Sicherheitsvorfall betroffen, 5 Prozent gar von mehreren. Im Vergleich zum Vorjahreszeitraum zeigt sich ein leichter Anstieg: 2024 berichteten noch 7 Prozent von einem und 6 Prozent von mehreren gravierenden Vorfällen. Die aktuelle Entwicklung deutet darauf hin, dass Cyberangriffe zunehmend breiter gestreut erfolgen und damit immer mehr Unternehmen in die Zielscheibe geraten.

Mehr als die Hälfte der Unternehmen führt inzwischen regelmäßige Awareness-Trainings durch, ebenso viele verfügen über klar definierte Notfallpläne. Das zeigt: Sicherheitskultur ist im Bewusstsein der Organisationen angekommen. Doch zwischen Planung und gelebter Praxis bleibt eine Lücke.

Echte Resilienz entsteht erst, wenn Technologie, Prozesse und Menschen nahtlos zusammenspielen. KI kann hier ein entscheidender Katalysator sein – sie unterstützt Security-Teams, erkennt Risiken frühzeitig und beschleunigt Entscheidungen. Gleichzeitig erfordert ihr Einsatz neue Formen der Verantwortung: Governance, Nachvollziehbarkeit und Transparenz. Nur wer versteht, wie diese Systeme entscheiden, kann ihnen auch vertrauen.

Sicherheit als Standortvorteil

Während Angriff und Verteidigung im digitalen Raum um Geschwindigkeit ringen, spielt Sicherheit auch wirtschaftlich eine neue Rolle. Sie ist kein Kostenblock mehr, sondern ein strategischer Faktor für Vertrauen und Wettbewerbsfähigkeit. Die deutsche Internetwirtschaft soll laut aktueller Prognosen bis 2030 ein Volumen von rund 389 Milliarden Euro erreichen; ein Wachstum von durchschnittlich 9,7 Prozent pro Jahr. Getrieben wird dieser Aufschwung vor allem durch KI-basierte Geschäftsmodelle, datenintensive Anwendungen und digitale Plattformen.

Doch Wachstum und Sicherheit müssen im Gleichschritt erfolgen. Ohne belastbare Rechenzentren, zuverlässige Netze und hochqualifizierte Fachkräfte lässt sich die Transformation nicht dauerhaft sichern. Gleichzeitig steigt der Energiebedarf, und mit ihm die Notwendigkeit, sichere und nachhaltige Infrastrukturen zu schaffen.

Hier entscheidet sich die digitale Souveränität Europas: Nur wer seine Datenräume, Systeme und Sicherheitsarchitekturen selbst gestaltet, bleibt technologisch unabhängig. Cybersicherheit wird damit zur Voraussetzung von Innovation – nicht zu ihrer Bremse.

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Die neue Sicherheitsarchitektur

Der Wandel ist unübersehbar: Klassische Schutzmechanismen stoßen an Grenzen. Firewalls und Virenscanner sind längst nicht mehr ausreichend, um gegen adaptive, KI-gestützte Angriffe zu bestehen. Signaturbasierte Erkennung und regelbasierte Filter können nur bekannte Angriffsmuster identifizieren, versagen jedoch bei polymorpher oder verhaltensbasiert getarnter Schadsoftware. Moderne Sicherheitsarchitekturen kombinieren deshalb Automatisierung, kontextbasierte Heuristik, verhaltensgestützte Analytik und kontinuierliches Monitoring, um Anomalien frühzeitig zu detektieren, Korrelationen herzustellen und auf unbekannte Bedrohungen adaptiv zu reagieren.

Gleichzeitig entsteht eine neue Arbeitsteilung zwischen Mensch und Maschine. KI kann Daten auswerten, aber sie versteht keine Intention. Sie erkennt Muster, aber keine Motive. Die Verantwortung, Entscheidungen zu treffen und Risiken einzuordnen, bleibt beim Menschen.

Deshalb ist Kompetenzaufbau entscheidend: Unternehmen brauchen Security-Teams, die KI verstehen, kritisch hinterfragen und gezielt einsetzen können. Schulung, Governance und Ethik werden zu zentralen Komponenten technischer Sicherheit. Nur wer die Technologie beherrscht, kann sie sicher nutzen.

Intelligenz als Schutzschild

Künstliche Intelligenz ist weder Bedrohung noch Allheilmittel; sie ist ein Werkzeug. Jedoch kann sie, richtig angewandt, zum Schutzschild der digitalen Wirtschaft werden.

Die aktuelle Entwicklung zeigt: Die IT-Sicherheitslandschaft wandelt sich von statischen Verteidigungslinien zu dynamischen, lernenden Systemen. Sicherheit ist kein Zustand mehr, sondern ein Prozess. Wer heute in Cyberresilienz, Kompetenz und sichere Infrastrukturen investiert, gestaltet die digitale Zukunft aktiv mit.

KI ist dabei Prüfstein und Chance zugleich: Sie zwingt uns, schneller zu denken, transparenter zu handeln und Sicherheit als integralen Bestandteil jeder Innovation zu verstehen.

Über den Autor: Prof. Norbert Pohlmann ist seit 2003 Informatikprofessor an der Westfälischen Hochschule Gelsenkirchen und lehrt im Fachbereich Informatik und Kommunikation mit dem Schwerpunkt Cyber-Sicherheit. Er ist Gründer und geschäftsführender Direktor des Instituts für Internet-Sicherheit – if(is), wo er zu aktuellen und innovativen Technologien der IT-Sicherheit forscht. Neben seiner akademischen und unternehmerischen Tätigkeit engagiert sich Pohlmann in zahlreichen Gremien für eine sichere digitale Zukunft, unter anderem als Vorstandsmitglied im eco – Verband der Internetwirtschaft und bei EuroCloud Deutschland, sowie seit 1997 als Vorstandsvorsitzender des Bundesverbands IT-Sicherheit – TeleTrusT.

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