KMU stehen unter Compliance-Druck: Vendor-Management, Cyber-Versicherungen und NIS-2 fordern strukturierte Security-Nachweise. Minimum Viable Security bietet einen pragmatischen Ausweg: Mit MFA, automatisierten Backups und dokumentierten Prozessen lässt sich Informationssicherheit auch ohne Vollzeit-CISO aufbauen. Das 80/20-Prinzip ermöglicht maximalen Schutz mit minimalem Aufwand.
KMU stehen unter Compliance-Druck durch Vendor-Management und NIS-2. Minimum Viable Security ermöglicht strukturierte Informationssicherheit ohne Vollzeit-CISO und teure Zertifizierung.
Cybersecurity-Vorfälle bedrohen Unternehmen jeder Größe. Sie können jeden treffen. Doch sie sind nur eine der Herausforderungen rund um Informationssicherheit. Die Compliance-Anforderungen stellen eine weitere Hürde dar, gerade für KMU. Man könnte etwa an einen Automotive-Zulieferer denken, der nach einem Management-Buy-out den Zugang zur Konzern-Security verliert. Oder an ein Tech-Startup, das seinen ersten Enterprise-Kunden gewinnt und diesem nun umfassende Sicherheitsnachweise vorlegen muss. Oder eine Digitalagentur, die eine Anfrage von einem DAX-Konzern erhält – inklusive mehrseitigem Security-Fragebogen.
In solchen Situationen müssen viele Unternehmen, deren Informationssicherheit bislang nur teilweise formalisiert war, ihre Strukturen innerhalb weniger Wochen bis Monate sichtbar professionalisieren, indem sie strukturierte Security-Programme aufbauen. Die Entwicklungen, die dazu beitragen, sind vielschichtig:
Großunternehmen haben ihre Vendor-Management-Prozesse professionalisiert. Das heißt: Wer DAX-Konzerne oder internationale Großanbieter beliefern möchte, muss eine strukturierte Security-Dokumentation vorweisen.
Cyber-Versicherungen verlangen konkrete Sicherheitsmaßnahmen als Voraussetzung für Cyber-Policen, dazu gehören unter anderem Multi-Faktor-Authentifizierung, regelmäßige Backups und Incident-Response-Pläne.
Neue EU-Richtlinien erfassen deutlich mehr Unternehmen in Deutschland und Österreich als bisher. Auch die Schweiz hat mit dem Informationssicherheitsgesetz (ISG) neue Standards eingeführt.
Diese Entwicklungen bringen vor allem KMU unter Zugzwang. Ihnen fehlen häufig die Ressourcen, um umfassende Security-Programme zu etablieren oder teure, zeitaufwendige Zertifizierungen umzusetzen. Damit sie trotzdem handlungsfähig bleiben, ist ein alternativer Ansatz nötig, der mit begrenzten Mitteln funktioniert. Hier setzt das Konzept der Minimum Viable Security an.
Der Minimum-Viable-Security-Ansatz: Pragmatische Sicherheit für den Mittelstand
Minimum Viable Security (MVS) überträgt das „Minimum Viable Product“-Konzept auf Informationssicherheit: klein anfangen, iterativ entwickeln, auf Geschäftswert fokussieren. Statt von Tag eins an ein vollumfassendes Sicherheitskonzept zu haben, geht es um schnell implementierbare Maßnahmen mit maximalem Schutz-Aufwand-Verhältnis. Diese stehen unter den folgenden fünf Kernprinzipien:
Risikobasiert: Fokus auf die wahrscheinlichsten und gefährlichsten Bedrohungen
Ein Großteil der Sicherheitsrisiken lässt sich mit einem Bruchteil des Aufwands einer vollständigen Zertifizierung abdecken. Angelehnt an das 80/20-Prinzip können Unternehmen im Rahmen einer MVS-Strategie diese kritischen Maßnahmen identifizieren und schnell umsetzen.
Betrachten wir eines der zu Beginn erwähnten Beispiele und die dazu passende Herangehensweise. Im Rahmen eines Buyouts erlangt ein Geschäftsbereich Eigenständigkeit und verliert dadurch den Zugang zu den IT-Services des ehemaligen Mutterkonzerns. Die Mitarbeitenden müssen nun binnen weniger Monaten eine eigenständige Informationssicherheit aufbauen, um unternehmenskritische Kundenverträge zu erfüllen. MVS legt hier einen Fokus auf schnell demonstrierbare Compliance: Externe Multi-Faktor-Authentifizierung für alle Cloud-Services, automatisierte Backup-Lösungen und dokumentierte Incident-Response-Prozesse schaffen binnen kurzer Zeit eine solide Basis. So stehen am Ende überschaubare Investition statt hoher Zertifizierungskosten und ein unterbrechungsfrei fortgesetzter Betrieb.
Praktische Umsetzung und Eckpfeiler der pragmatischen Compliance
Unternehmen können Minimum Viable Security mit wenigen, klar definierten Schritten umsetzen – entscheidend ist, dass sie diese dokumentieren und regelmäßig überprüfen.
1. IT-Assets und kritische Geschäftsprozesse erfassen: Welche Systeme, Daten und Workflows sind geschäftsentscheidend? Hierfür genügt ein einfacher Überblick.
2. Sicherheitslücken identifizieren und grundlegende Kontrollen prüfen: Multi-Faktor-Authentifizierung, Backups, Rechteverwaltung, Logging. Was ist bereits umgesetzt? Wo bestehen Lücken?
3. Sofortmaßnahmen umsetzen und Verantwortlichkeiten benennen: Zu den typischen Ersthilfemaßnahmen gehören dabei das Aktivieren einer MFA, das Hinterlegen von Notfallkontakten und das Testen der Backups. Für jede Maßnahme sind Verantwortliche aus IT, Operations und Geschäftsleitung zu bestimmen.
4. Basis-Dokumentation anlegen: Ein kompaktes internes Reporting schafft Nachvollziehbarkeit und liefert bei Bedarf schnell aktuelle Nachweise.
5. Recovery-Playbook entwickeln: In klaren Leitlinien festhalten, welche kritischen Prozesse nach einem Cybervorfall sofort wieder laufen müssen. Dafür die Verantwortlichen, Backup-Wege, Kommunikationskanäle und Tests festlegen.
Unternehmen können sich bei der Umsetzung an den aktuellen Regulierungstrends im DACH-Raum orientieren. Diese setzen verstärkt auf risikobasierte Ansätze, um möglichst schnell ein hohes Sicherheitsniveau zu erreichen, statt sich auf langwierige Zertifizierungen allein zu verlassen. Für kleine und mittlere Unternehmen bedeutet dies: Dokumentierte Risikoentscheidungen werden wichtiger als lückenlose technische Kontrollen. Ein KMU kann daher seinen eigenen Weg in Sachen Informationssicherheit gehen, anstatt zu versuchen, die Security-Architektur eines Großkonzernes zu kopieren. Dafür kann es sich auf die vier Eckpfeiler der pragmatischen Compliance stützen:
6. Business Impact Analysis (BIA) als Fundament: Identifikation der kritischsten Assets, deren Kompromittierung existenzbedrohend wirkt (Beispiel: Produktionssteuerungssysteme, Kunden-Datenbank).
7. Regulatorische Basis-Hygiene: MFA, Backups, Notfallplan – die grundlegenden Anforderungen. Fehlt eines, ist pragmatische Sicherheit nicht erreicht.
8. Dokumentierte Risikoakzeptanz: Transparente Entscheidungsmatrix: „System X bleibt ungeschützt, weil der maximale Schaden geringer ist als die potenziellen Implementierungskosten“
9. Resilienz-Testing: Regelmäßige „Feueralarm-Übungen“ für Kernsysteme mit definierten Wiederherstellungszielen.
Organisationsmodelle für Security ohne Vollzeit-Experten
KMU besetzen nur selten die spezifische Rolle eines Chief Information Security Officers (CISO). Doch auch mit limitierten Kapazitäten und ohne einen Alleinverantwortlichen können sie effektive Security-Programme entwickeln und umsetzen. Denn erfolgreiche MVS-Implementierungen verteilen grundsätzlich die Security-Verantwortlichkeiten auf mehrere Schultern im Unternehmen. Bei Bedarf ergänzen sie dieses Team um externe Experten und Kapazitäten.
Das kann beispielsweise so aussehen: Ein interner „Security Officer“ übernimmt neben seiner regulären Rolle die Verantwortung zur Koordination der Informationssicherheit. Mitarbeitende aus anderen Abteilungen oder Fachbereichen unterstützen den Security Officer mit dem Blick auf die Praxiserfahrungen. Und spezialisierte externe Dienstleister übernehmen komplexe Aufgaben wie Penetration Tests oder das Design der Sicherheitsarchitektur.
Stand: 08.12.2025
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Aus technologischer Sicht empfiehlt sich für die MVS-Implementierung oft eine Cloud-First-Strategie. Dabei bietet es sich an, die Security-Funktionen etablierter Cloud-Plattformen zu verwenden, statt eine Vielzahl einzelner Lösungen zu kombinieren. Solche integrierten Suites reduzieren Komplexität, erleichtern die Administration und sorgen für einheitliche Sicherheitsstandards. Gerade für kleinere Unternehmen ist ein Single-Vendor-Ansatz oft effektiver als ein fragmentiertes Best-of-Breed-Konzept. Für eine praxisnahe MVS-Implementierung ist ein Identity & Access Management-System mit MFA-Funktionen sinnvoll, dazu eine Endpoint-Protection-Lösung, automatisierte, verschlüsselte Sicherungslösungen für Backup und Recovery sowie SIEM-Grundfunktionen zur Incident-Erkennung.
Minimum Viable Security bedeutet, die vorhandenen Ressourcen intelligent zu einzusetzen. KMU, die heute MVS implementieren, sind sowohl besser geschützt als auch geschäftlich erfolgreicher. Sie gewinnen häufiger Ausschreibungen von Großkonzernen und senken den Aufwand für Prüfungen in M&A-Prozessen deutlich. Durch die ohnehin vorhandene Dokumentation der Sicherheitsmaßnahmen reduzieren sie außerdem die Kosten für Cyber-Versicherungsprämien und Compliance-Audits erheblich. So amortisieren sich die Investitionen in kürzester Zeit und die Unternehmen können sich wieder ihrem Kerngeschäft widmen.
Über die Autoren
Andrea Tribelhorn ist Partnerin und Unternehmensberaterin bei der Detecon. Sie unterstützt Unternehmen in den Bereichen Cybersecurity, Corporate und Security Governance, Datenschutz, Risikomanagement und Compliance. In ihrer Rolle hilft sie ihren Kunden, den Fokus auf Kundenorientierung und die notwendige Transformation zu schärfen, damit Mitarbeitende und Organisationen den Anforderungen des digitalen Zeitalters gerecht werden können.
Panos Zarkadakis ist Senior Manager bei Detecon und verfügt über mehr als 25 Jahre Erfahrung in leitenden ICT- und Managementfunktionen mit Schwerpunkt auf Telekommunikation, kritische Infrastrukturen und Industrie.