Der Fachkräftemangel in der Cybersicherheit gilt seit Jahren als eine der größten Herausforderungen – verschärft durch NIS2, DORA und den Cyber-Resilience-Act. Die naheliegende Antwort vieler Unternehmen: mehr Recruiting, bessere Vergütung, neue Tools. Die eigentliche Lösung liegt jedoch woanders.
Unternehmen suchen im Kampf gegen den Fachkräftemangel oft nur nach mehr Personal, tatsächlich fehlen aber vor allem hybride Kompetenzprofile. Wer Cybersicherheit stärken will, muss deshalb Rollen und Karrierepfade neu denken.
Doch diese Reaktion greift zu kurz. Denn das Problem ist nicht nur, dass zu wenige Cybersecurity-Fachkräfte auf dem Arbeitsmarkt verfügbar sind. Das größere Problem ist, dass viele Unternehmen noch immer nach Fähigkeiten suchen, die zu einem veralteten Verständnis von Cybersicherheit passen. Statt über die Besetzung offener Stellen nachzudenken, müssten sie die Organisationsstruktur überdenken.
Der „Reinventing the Cyber Workforce“-Report von Accenture zeigt: Fast die Hälfte aller Cybersecurity-Rollen bleibt unbesetzt. Gleichzeitig verlangen 59 Prozent der offenen Positionen eine Kombination aus technischer Expertise, strategischem Denken, Geschäftsverständnis und Kommunikationsfähigkeit. Nur rund 40 Prozent der heutigen Fachkräfte arbeiten bereits in Rollen, die diesem Profil entsprechen. Das ist mehr als ein Personalengpass. Es ist ein Strukturproblem.
Der Fachkräftemangel ist ein Symptom
Viele Unternehmen behandeln den Cyber-Fachkräftemangel noch immer wie ein Recruiting-Problem. Fehlen Expertinnen und Experten, werden neue Stellen ausgeschrieben. Parallel werden Technologien eingeführt, um bestehende Teams zu entlasten. Kurzfristig kann das helfen. Langfristig verschärft es häufig die Komplexität.
Denn moderne Cybersicherheit ist längst keine isolierte IT-Funktion mehr. Sie entscheidet darüber, ob digitale Geschäftsmodelle skalieren, regulatorische Anforderungen erfüllt werden, KI-Tools sicher eingesetzt werden können und Unternehmen im Ernstfall handlungsfähig bleiben. Cybersecurity steht heute an der Schnittstelle von Unternehmensstrategie, Risikomanagement, Technologie, Regulierung und vor allem Vertrauen der Kunden und Partner in das Unternehmen.
Damit verändert sich auch die Rolle der Mitarbeitenden, die den Cybersecuritybereich gestalten. Gefragt sind nicht mehr nur technische Spezialisten, die Systeme absichern oder Alerts bearbeiten. Unternehmen brauchen Fachkräfte, die Risiken in geschäftliche Entscheidungen übersetzen, Fachbereiche beraten, Sicherheit und Resilienz in Transformationen integrieren und auch im Krisenfall Orientierung geben können. Mitarbeitende müssen sich von reinen „Operators“ zu „Conductors“ entwickeln können, um das neu entstehende Aufgabenprofil zu füllen. Technische Sicherheitsmaßnahmen umzusetzen, wird damit zum Bruchteil des Tätigkeitsprofils.
Der Einsatz künstlicher Intelligenz verschärft diesen Engpass zusätzlich. Denn Cyberangreifer folgen längst nicht mehr nur manuell ausgeführten Playbooks. Sie nutzen Automatisierung und KI-Modelle, um Angriffe schneller, gezielter und überzeugender durchzuführen. Während viele Organisationen noch Governance-Strukturen optimieren und Zuständigkeiten klären, sind Angreifer bereits drei Schritte voraus.
KI ist dabei Freund und Feind zugleich. Sie professionalisiert und skaliert die Angreiferseite. Aber sie kann auch helfen, Angriffe schneller zu erkennen, Muster besser zu verstehen und Sicherheitsprozesse zu automatisieren. Unternehmen müssen deshalb verstehen, wie KI ihre Angriffsfläche, ihre Abwehrfähigkeit und ihr Kompetenzmodell verändert. Wer KI sicher nutzen will, braucht diejenigen Mitarbeitenden, die Risiken bewerten, Entscheidungen vorbereiten und Sicherheit in Geschäftsprozesse übersetzen können.
Auch wenn viele Organisationen massiv in Sicherheitstechnologien investieren, bleibt die Problematik bestehen. Denn Komplexität, Abhängigkeiten und operative Belastung steigen für bestehende Teams weiter an. Eine fragmentierte Sicherheitsarchitektur ersetzt keine klare Verantwortungsstruktur. Und Automatisierung ersetzt keine strategische Urteilsfähigkeit.
Gerade mit Blick auf die regulatorischen Anforderungen – etwa NIS2 für Governance- und Meldepflichten, DORA für digitale operationale Resilienz im Finanzsektor oder den Cyber-Resilience-Act für sichere digitale Produkte – wird klar: Cybersicherheit ist keine Frage technischer Kontrollen. Sie ist eine Frage von Verantwortung, Entscheidungsfähigkeit und operativer Resilienz.
Unternehmen müssen daher zuerst ihre Grundlagen in Ordnung bringen: Identitäten schützen, kritische Systeme kennen, Schwachstellen managen, Daten absichern, Wiederanlaufprozesse testen und Verantwortlichkeiten klären. Gleichzeitig müssen sie ihre Investitionen stärker in Richtung Cyberresilienz verschieben. Entscheidend ist nicht nur, ob ein Angriff verhindert wird. Entscheidend ist auch, wie schnell ein Unternehmen ihn erkennt, eindämmt, darauf reagiert und sich davon erholt.
Stand: 08.12.2025
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Drei Maßnahmen für eine zukunftsfähige Cyber Workforce
1. Cyberkompetenzen systematisch intern aufbauen. Der nachhaltigste Weg aus dem Fachkräftemangel führt nicht ausschließlich über den externen Arbeitsmarkt. Unternehmen müssen stärker in eigene Fähigkeiten investieren – durch Entwicklungsprogramme, gezielte Weiterbildung und Rotationen zwischen Cybersecurity, IT, Risiko, Compliance und Fachbereichen.
2. Rollen und Karrierepfade neu gestalten. Die klassische Trennung zwischen technischer Umsetzung und geschäftlicher Verantwortung wird den heutigen Anforderungen nicht mehr gerecht. Unternehmen sollten Cyber-Fachkräfte frühzeitig in strategische Initiativen einbinden: Cloud-Transformationen, KI-Programme, Produktentwicklung oder regulatorische Umsetzungsprogramme. Nur so können Mitarbeitende in dem Maße wachsen, wie es moderne Organisationen erfordern.
3. KI und Partnerschaften als Verstärker nutzen. KI, Automatisierung und externe Partnerschaften können Security-Teams entlasten und Fähigkeiten schneller skalieren. Dabei geht es nicht darum, Menschen zu ersetzen. Es geht darum, ihre Schlagkraft zu erhöhen. KI kann wiederkehrende Aufgaben übernehmen, Muster erkennen und Entscheidungsgrundlagen verbessern. Menschen bleiben verantwortlich für Bewertung, Priorisierung, Kommunikation und Führung.
Die Neuaufstellung der Cyber Workforce ist keine HR-Initiative und kein reines CISO-Thema. Sie ist eine Managementaufgabe. Denn die Leistungsfähigkeit der Cybersecurity entscheidet zunehmend über Innovationsgeschwindigkeit, regulatorische Sicherheit und operative Resilienz. Unternehmen, die nur mit Recruitingmaßnahmen reagieren, bleiben abhängig von einem angespannten Arbeitsmarkt. Unternehmen, die ihr Workforce-Modell neu denken, befähigen dahingehend Mitarbeitende in der Breite.
Organisationen, die Störungen antizipieren, aushalten, darauf reagieren und sich schnell erholen können, werden einen entscheidenden Vorteil haben. Dafür braucht es robuste Basiskontrollen, klare Verantwortlichkeiten, den gezielten Einsatz von KI und eine Cyber Workforce, die technische Exzellenz mit unternehmerischem Denken verbindet.
Die Zukunft der Cybersicherheit entscheidet sich deshalb nicht allein an Budgets, Tools oder offenen Stellen. Sie hängt davon ab, ob Unternehmen die Menschen, Rollen und Arbeitsmodelle entwickeln, die moderne Cyberrisiken tatsächlich beherrschbar machen.Der Fachkräftemangel ist real. Doch das eigentliche Problem entsteht dort, wo Unternehmen versuchen, die Cyber Workforce von morgen mit den Strukturen von gestern aufzubauen. In der heutigen Arbeitswelt braucht es Fachkräfte in der IT-Sicherheit, die mit Hilfe von KI(-Agenten) unternehmerisch tragfähige Entscheidungen treffen können: vom Human in the loop zum Human in the lead!
Über den Autor: Thomas Schumacher ist Geschäftsführer im Bereich Cybersecurity bei Accenture.