Ein gekündigter IT-Dienstleister, ein leer wirkender Tenant, 50.000 neue Gastkonten – der vielleicht unbequemste Befund aus dem r-tec Lagebericht 2025 ist so simpel wie brisant: Viele Unternehmen schützen sich gegen Angreifer von außen und übersehen Risiken mit Schlüsselgewalt im eigenen Ökosystem.
Unzureichend verwaltete Zugriffsrechte externer Dienstleister können laut R-tec zum vollständigen Kontrollverlust im eigenen IT-Ökosystem führen.
Wer glaubt, das eigene Unternehmen sei zu unauffällig für echte Angreifer, hat bisher nur Glück gehabt. Cyberkriminelle treffen nicht nach Branche oder Größe, sie treffen nach Gelegenheit. Lead Cybersecurity Expert Rüdiger Trost von WithSecure warnt im R-tec Cyber Security Lagebericht 2025 treffend, „[...] dass Unternehmen in Deutschland weiterhin im Fokus von Cyberkriminellen aus der ganzen Welt stehen. Wie groß ein Unternehmen ist oder in welcher Branche es agiert, spielt keine Rolle – jedes Netzwerk kann ein lohnendes Ziel sein.“ Gleichzeitig wird es operativ enger. Mehr Systeme, mehr Abhängigkeiten, mehr Cloud. Und am Ende oft ein simples Problem: Rechte bleiben zu lange, zu breit, zu unkontrolliert.
Denn nicht jeder Sicherheitsvorfall beginnt mit Phishing, Malware oder einer Zero-Day-Sicherheitslücke. Manchmal beginnt er mit einer Kündigung. Genau das zeigt einer der eindrücklichsten Fälle aus dem Lagebericht: Am Tag nach einer konfliktbehafteten Trennung von einem IT-Dienstleister fiel einer Organisation auf, dass ihr Microsoft-Entra-Tenant auffällige Veränderungen zeigte. Produktive Benutzer und Betriebsdaten fehlten. Parallel war die Umgebung mit rund 50.000 Gastbenutzern geflutet. Auf Wunsch der Cyberversicherung wurde R-tec hinzugezogen.
Die Cloud-Forensik ergab einen sauberen Ablauf: Login über ein Konto aus dem Dienstleisterkontext, Registrierung einer Enterprise Application, Anlage eines weiteren Global Admin. Danach folgten Löschungen von Benutzern und Postfächern. Anschließend setzte eine automatisierte Erzeugung zufällig benannter Gastkonten ein. Die aktivierten Entra- und M365-Logging-Einstellungen ermöglichten eine weitgehend lückenlose Rekonstruktion, die Attribution blieb offen. Der Fall zeigt deutlich: Wenn Governance- und Offboarding-Prozesse nicht belastbar sind, können privilegierte Cloud-Berechtigungen schnell zu einem vollständigen Kontrollverlust führen.
Warum Dienstleisterzugänge ein eigener Risikotyp sind
Damit ist nicht gemeint, dass alle externen Admins böse Absichten haben. Doch sie stellen eine eigene Risikoklasse dar. Dienstleister brauchen weitreichende Rechte, tiefes Umgebungswissen und oft operative Freiheit. Diese Kombination macht sie unverzichtbar und zugleich hochkritisch. Bei Zeitdruck, Kommunikationslücken oder auch Streit entstehen potenzielle Risiken, die Unternehmen unbedingt auf dem Radar haben sollten. Der r-tec Lagebericht 2025 formuliert es unmissverständlich: "Dienstleisterkonten sind Hochrisiko-Identitäten und müssen, wie eigene Assets behandelt werden. [...] Offboarding muss technisch durchgesetzt werden und darf nicht von Tickets oder Goodwill abhängen."
Für einen Kontrollverlust wie im Beispielfall braucht es kein spektakuläres Angriffswerkzeug. Es reichen wenige privilegierte Aktionen zur falschen Zeit mit den richtigen Rechten. Genau deshalb liegt der Wert dieses Falls nicht allein in seiner Dramatik, sondern in seiner Nüchternheit. Er zeigt, wie schnell Governance-Versäumnisse zu einem operativen Ausnahmezustand werden. Multi-Faktor-Authentisierung (MFA) allein genügt hier nicht. Denn erfolgreiche MFA kann auch bedeuten, dass ein legitimer Pfad missbraucht wurde. Was daraus folgt, ist unbequem: Kritische Admin-Aktionen sind Hochrisiko Vorgänge und müssen auch als solche betrachtet werden. Dafür braucht es klare Auslöser für Alarmierung, verbindliche Playbooks und eine definierte Reaktion – nicht erst in der Nachbereitung, sondern unmittelbar bei der Ausführung.
Stand: 08.12.2025
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123 kritische Vorfälle zeigen eine angespannte Sicherheitslage
Der Fall mit dem gekündigten Dienstleister ist kein Einzelfall, sondern ein Brennglas für eine insgesamt härtere Lage. R-tec hat im Cyber Security Lagebericht Erkenntnisse aus 123 besonders kritischen Cybersicherheitsvorfällen zusammengeführt. Insgesamt ist die Zahl der Sicherheitsvorfälle gegenüber dem Vorjahr um 53,8 Prozent angestiegen. Parallel dazu wurden fast dreimal so viele Geräte im EDR-Monitoring erfasst wie im Jahr zuvor, von 24.330 auf 60.000. Das tägliche SIEM-Logvolumen wuchs um 97,5 Prozent. Schon diese drei Zahlen erzählen eine klare Geschichte: mehr Fläche, mehr Signale, mehr Druck, mehr Komplexität.
Hinzu kommt der reale Aufwand in der Reaktion. Das R-tec CERT verzeichnete 2.505 Stunden Vorfallsaufwand im Jahr 2025, davon 1.643 Stunden bei Nicht-Servicekunden und 862 Stunden bei Servicekunden. Die längste Bearbeitungsdauer lag bei 450 Stunden für Nicht-Servicekunden und bei 46 Stunden für Servicekunden. Auch das ist mehr als eine Kennzahlensammlung. Es ist ein Hinweis darauf, wie teuer fehlende Vorbereitung in der Praxis wird. Wer im Ernstfall erst Zuständigkeiten, Kommunikationswege und technische Grundlagen sortieren muss, verliert nicht nur Zeit, sondern vor allem die Chance, einen Vorfall früh klein zu halten.
Readiness ist kein Zusatz, sondern die eigentliche Sicherheitsfrage
Der Lagebericht 2025 bündelt Einsätze aus dem Cyber Defense Center, verdichtet sie in kuratierte Fälle und leitet praxisrelevante Learnings ab. Ziel ist, Organisationen zu helfen, Widerstandsfähigkeit aufzubauen, bevor der nächste Vorfall den Alltag übernimmt. Dazu beschreibt der Bericht keine abstrakten Trends, sondern reale Einsatzmuster. Das Spektrum reicht von Ransomware über Malvertising und ClickFix bis zu OT-Vorfällen, Supply-Chain-Fragen und Business-E-Mail-Compromise. Auffällig ist dabei, dass nicht nur technische Schwachstellen eine Rolle spielen. Betriebliche Brüche wie unklare Zuständigkeiten, fehlende Playbooks, lückenhafte Transparenz oder ungenügend gesteuerte Identitäten sind ein grundlegendes Problem.
Gute Sicherheitsarbeit beginnt nicht im Moment des Angriffs. Sie beginnt vorher: bei klaren Rollen, belastbarem Offboarding, sauber getrennten Admin-Konten, regelmäßigen Reviews privilegierter Identitäten, vollständigen Audit-Logs und getesteten Reaktionspfaden. Unternehmen, die diese Grundlagen nicht gesetzt haben, werden im Ernstfall nicht nur langsamer: Sie verlieren zuerst Übersicht und dann Kontrolle. Auch reichen einzelne, siloartig betriebene Security-Lösungen längst nicht mehr aus. Schutz wird erst dann wirksam, wenn mehrere Ebenen als Gesamtsystem zusammenspielen.
Praxiswissen aus realen Sicherheitsvorfällen nutzen
Daher steht auch der Vorfall rund um den Missbrauch privilegierter Zugänge exemplarisch für das, was der Bericht in seiner ganzen Breite zeigt: Sicherheitsvorfälle entstehen heute selten nur durch eine einzelne technische Schwäche. Sie entstehen dort, wo Rechte, Prozesse, Transparenz und Reaktionsfähigkeit nicht sauber zusammenspielen.
Darüber hinaus bietet der Lagebericht viele weitere spannende Erkenntnisse zur aktuellen Cybersicherheitslage und einen Mehrwert, der in vielen Diskussionen oft zu kurz kommt: echte Einsatzpraxis, klar verdichtet und direkt anschlussfähig für bessere Entscheidungen in Prävention, Detektion und Reaktion. Denn wer aus realen Vorfällen lernt, muss den nächsten nicht erst erleben, um ins Handeln zu kommen.